Artikel veröffentlicht am 19.10.2021 um 18:45 Uhr
Ein Weltenbummler im Frankenland: Eckhard Krautzun wider der Besserwisserei
Am vergangenen Freitag begrüßte GFT-Vorsitzender Hubert Richter auf der Tribüne des Waldstadions in Weismain einen Gast, der auf vier Kontinenten in über elf Ländern und mehr als dreißig Mannschaften seine eindrucksvollen Spuren hinterlassen hat. Eckhard Krautzun gab dabei bemerkenswerte Einblicke in eine Karriere zwischen Kaisern, Staatsoberhäuptern und dem Who-is-Who des Weltfußballs.
Von Bernd Riemke
Bereits im Alter von 27 Jahren musste Eckhard Krautzun nach nur drei Bundesligaeinsätzen für den 1. FC Kaiserslautern seine aktive Karriere beenden und folgte dem vom DFB entsandten Entwicklungshelfer Dettmar Cramer gen Asien, wo er – ausgestattet mit der FIFA-Lizenz – schon 1968 Trainer der südkoreanischen Nationalmannschaft wurde. Es war der Beginn einer wechselhaften Laufbahn im Zuge derer der Globetrotter in den 1970er Jahren zunächst die Stämme Kenias in der Nationalmannschaft vereinigte, ehe er bei Kanadas A-Team Entwicklungshilfe leistete. Die blutigen Amateure der Philippinen Anfang der 1990er-Jahre ins Halbfinale der Südostasien-Spiele zu führen, bezeichnet der Tausendsassa heute noch als einen seiner größten sportlichen Erfolge und stuft diesen Husarenstreich dabei noch höher ein als die WM-Qualifikation, die er 2002 mit Tunesien feiern durfte. Von dort ging es in das Land des Lächelns, wo Krautzun das halbe Dutzend an Nationalmannschaften vollmachte, die er im Laufe seiner Karriere trainierte.

GFT-Vorsitzender Hubert Richter (re.) lotste den Weltenbummler Eckhard Krautzun nach Oberfranken zur Trainerfortbildung.
anpfiff.info

Sensibilität ist Grundvoraussetzung

Seit beinahe zwanzig Jahren ist der nimmermüde 80-Jährige inzwischen für den chinesischen Verband tätig, wo der Botschafter des DFB bei seinen Reisen vor Ort nach „Batterien von Heineken“ in vergangenen Zeiten beim in China äußerst beliebten Karaoke auch schon landestypische Liebeslieder zum Besten gegeben hat. Heute steht der dem Verband noch beratend zur Seite. Zu verdanken hat er diesen Umstand zum einen sicher der Tatsache, die U20 aus dem Reich der Mitte 2005 zur WM in den Niederlanden zu führen, um dort nach drei überzeugenden Siegen erst im Achtelfinale an der deutschen Auswahl zu scheitern, zum anderen aber auch seiner interkulturellen Kompetenz. Die betont Krautzun immer wieder, wenn es darum geht, sich im Ausland als Trainer seine Meriten zu verdienen. Die unterschiedlichen Mentalitäten von Spielern aus unterschiedlichen Nationen, Volksstämmen, Religionen und Kulturen auf dem Platz zu vereinen und als Trainer einfühlsam und doch leistungsorientiert auf jede Persönlichkeit einzugehen, erfordert ein Höchstmaß an Sensibilität, so Krautzun, der sich vor jedem neuen Engagement eingehend mit dem Land und seiner Kultur auseinandersetzte, bevor er seine sportliche Aufgabe als Trainer antrat.

Krautzuns „Weltauswahl“

Dass der Mann, dessen größte Erfolge im Vereinsfußball der DFB-Pokalsieg mit dem 1. FC Kaiserslautern 1996 sowie der Gewinn des Afrika-Cups mit dem tunesischen Club CS Sfaxien 1998 waren, im Laufe seiner über vier Jahrzehnte andauernden aktiven Karriere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens begegnen durfte, die ihn nachhaltig prägten, ist ebenso selbstverständlich wie beinahe unwirklich, wenn man einen Blick auf die Liste derer wirft, die seine Wege kreuzten: Haile Selassi, Kaiser von Äthiopien, Jomo Kenyatta, Präsident Kenias, Fidel Castro, den er als hochintelligente Persönlichkeit mit enormer Ausstrahlung kennenlernen durfte, sowie die sportlichen Größen um Hennes Weisweiler, Eusebio, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Diego Armando Maradona oder Sir Alex Ferguson, den er seit seinem ersten Zusammentreffen vor mehr als vierzig Jahren als innigen Freund bezeichnen darf.

"Erste Antwort anpfiff.info" mit Eckhard Krautzun. Die Antworten werden jeweils um eine Frage versetzt gegeben - durch das Interview führte Bernd Riemke, dessen Lieblingsverein der geneigte Leser unter Umständen erraten kann...


Der Instructor spricht

Die anwesenden Trainer der GFT sensibilisierte der in Heppenheim an der Bergstraße wohnende gebürtige Ruhrpottler in einem abschließenden interaktiven Vortrag über die individualtaktischen Prinzipien des modernen Fußballspiels. „Wissenschaft schießt keine Tore – aber ohne die Wissenschaft, gewinne ich keine Spiele“, umriss Krautzun vielsagend die Wichtigkeit von statistisch erfassten (Gesundheits-)Daten der Spieler, die aber letztlich nur die Grundlage für ein Spiel sein können, in dem jeder Aktive über ausreichend Spielintelligenz verfügen sollte. „60% aller Ballverluste resultieren aus falschen Entscheidungen“, zeigte Krautzun auf und verwies darauf, wie enorm wichtig es sei, ein Spiel „lesen“ zu können. Das gelte für den Spieler, der schon vor der Ballannahme wissen müsse, welche Entscheidung er in der nächsten Aktion trifft, wie auch für den Trainer, der ein „Student des Fußballs“ bleiben müsse, um während eines 90-minütigen Matches die Fähigkeit zu haben, auf Entwicklungen auf dem grünen Rasen gewinnbringend reagieren zu können. Genau jene Kreativität, das spontane Kreieren überraschender Spielmomente und das Finden variabler Lösungen mit dem Ball am Fuß, sei es, der man freien Lauf lassen müsse. Spieler, die schneller denken als ihre Gegenspieler, sind es, die den Unterschied auf dem Platz ausmachen und so im besten Fall über Sieg und Niederlage entscheiden können. „Drill kills creativity“, gab Krautzun den gespannt lauschenden Übungsleitern mit auf den Weg, bevor ein begeisterter GFT-Vorsitzender Hubert Richter eine zweifellos positiv nachhallende Fortbildung beendete.

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Leser-Kommentare


Auf ein Wort...

Mein größter Fehler war, nach nur einem Jahr die TSG Hoffenheim zu verlassen. Ich bin damals dem Ruf von Darmstadt 98 gefolgt, um sie vor dem Abstieg zu bewahren und habe Dietmar Hopp um Auflösung meines Vertrages gebeten. Ich habe zwar das enorme Potenzial erkannt, dass da bei der TSG geschlummert hat, aber Dietmar Hopp, der ein toller Mensch ist und bei dem ich nie auch nur den Anflug von Arroganz gespürt habe, wollte mit der TSG eigentlich gar nicht in die Bundesliga. Ich schon und so bin ich damals aus Hoffenheim gegangen.

Der Verein, den ich gerne noch trainiert hätte
, war RW Essen. Ich bin 1952 auf den Schultern meines Vaters sitzend gegen Honved Budapest, das damals nahezu gleichbedeutend mit der ungarischen Nationalmannschaft war, im Stadion gewesen und habe später eine starke persönliche Bindung zum Verein aufgebaut. Als im Dezember 1988 die PanAm-Maschine nach New York über dem schottischen Lockerbie von Terroristen zur Explosion gebracht wurde, saß ich nur deshalb nicht im vorher von mir gebuchten Flieger, weil mit der damalige RWE-Vorsitzende Anton Döbbe zu einem Gespräch bat. Zu einem Engagement an der Hafenstraße kam es leider dennoch nicht.

Ausgeschlagen habe ich ein Angebot des FC Bayern München. Mitte der 1970er Jahre bat mich der damalige Präsident Neudecker zu einem Gespräch. Ich kam zu dieser Zeit allerdings nicht aus meinem Vertrag in Kanada heraus. So übernahm Gyula Lorant den FCB – und musste nach einem Jahr wieder gehen. Ausgeschlagen habe ich auch das Angebot von Cosmos New York mit Franz Beckenbauer und Johan Neeskens zu trainieren. Zu diesem Zeitpunkt im Frühjahr 1979 war ich gerade mit 1860 München in die Bundesliga aufgestiegen und mein Bruder überzeugte mich, in dieser „Operettenliga“ in den USA auch später noch trainieren zu können. Vier Monate später wurde ich bei den Löwen entlassen.

Als bekennender Schottland-Fan habe ich dort nie trainiert, weil die Trainer-Gewerkschaft auf der Insel viele Jahre lang keine ausländischen Trainer erlaubt hat.


Entweder...oder

Alex Ferguson oder Dettmar Cramer
Da kann ich mich für keinen entscheiden. Dettmar Cramer war mein Vorbild. Er genoss aufgrund seines Auftretens und seines Wissens hohes Ansehen in der Welt. Von ihm habe ich ? neben meinem Ausbilder Hennes Weisweiler ? wahrscheinlich am meisten gelernt. Mit Alex Ferguson habe ich mich auf Anhieb so gut verstanden, dass daraus eine überaus enge und innige Freundschaft entstanden ist, die inzwischen über 40 Jahre hält.
Haggis oder Affenhirn
Da entscheide ich mich für die Innereien aus der schottischen Küche, weil das Affenhirn in China wirklich nicht so toll geschmeckt hat. Wenn du allerdings mit den Chinesen befreundet sein willst, musst du mit ihnen essen gehen. Da werden die Entscheidungen getroffen, wobei schon die Sitzordnung entscheidend sein kann. Mit ordentlich Reiswein wird dann allerdings auch der Geschmack des Affenhirns überlagert.
Haile Selassi oder Helmut Kohl
Vom Kaiser von Äthiopien, der von den Rastafari als Messias verehrt wurde, nahm ich mit der kenianischen Nationalmannschaft eine Einladung zu Kaffee und Kuchen an, um diplomatischen Ärger zu verhindern, nachdem wir nach einem Länderspiel mit Steinen beworfen wurden. Dieser kleine Mann hatte zwar einen wahnsinnig großen Erfahrungsschatz, aber er war als Imperator bekannt. Deswegen entscheide ich mich für Helmut Kohl, den ich als starke Persönlichkeit mit enorm viel Charisma kennenlernen durfte.
Perfektion oder Müßiggang
Den Drang zur Perfektion habe ich von Dettmar Cramer gelernt, der sehr viel Wert auf Ordnung und Pünktlichkeit gelegt hat. Heute im Zeitalter der Migration ist die kulturelle Akzeptanz und die Anpassungsfähigkeit viel wichtiger als eine Perfektion, da man mit Spielern unterschiedlicher ethnischer Gruppen, Religionen oder Herkunftsländer auch ganz unterschiedlich umgehen muss.
Psychologe oder Fußballtaktiker
Das ist eine ganz wichtige Frage. Jürgen Klopp ist ein herovrragender Psychologe, ein Menschenfänger. Ich glaube, dass ich diese Fähigkeit auch ein stückweit habe. Dass ich die Spieler des 1. FC Kaiserslautern 1996 eine Woche nach dem Abstieg aus der Bundesliga wieder derart aufgerichtet habe, dass sie den DFB-Pokal gewinnen konnten, war eine Meisterleistung. Politisch betrachtet, ist es mir gelungen bei einer Rede im kenianischen Parlament die verschiedenen Stämme des Landes zu vereinen und zusammenzuführen. Fußballtaktisch ist es natürlich unerlässlich, ein Spiel lesen zu können und daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

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