Artikel veröffentlicht am 23.05.2021 um 06:00 Uhr
Die Rolle des Spielführers: Sollte nicht nur wissen, wie die Platzwahl abläuft
Schiedsrichter und Spielführer sollen auf dem Spielfeld zusammenarbeiten, so die Theorie. Lehrwart Johannes Gründel der Gruppe Forchheim erklärt, welche Pflichten der Kapitän einer Mannschaft hat und beseitigt den Mythos, dass ein Spielführer das Recht zum Meckern habe.
Von Uwe Kellner
Guten Tag Herr Gründel, sprechen wir doch mal über Schiedsrichter und Spielführer. Welche Eigenschaften sollte ein Mannschaftskapitän aus Sicht eines Schiedsrichters mitbringen?
Johannes Gründel: Neben den Eigenschaften, die ich mir als Fußballfan generell von einem Kapitän wünsche, also beispielsweise Leitwolf-Mentalität und Akzeptanz in der Mannschaft, ist mir als Schiedsrichter wichtig, dass ich mit dem Kapitän vernünftig reden kann und er auch in der Lage ist, meine Sicht nachzuvollziehen, um dann die richtigen Schlüsse daraus ziehen zu können. Der Kapitän ist mein Bindeglied zur Mannschaft und das kann ich nutzen, um das Spiel in ruhige Bahnen zu lenken, ohne Karten zu brauchen – aber dafür muss der Kapitän auch mitspielen. Wenn ich zum Beispiel dem Kapitän sage „Hey Käpt’n, Dein Achter meckert mir zu viel und der hat schon Gelb“, will ich damit erreichen, dass er entweder dem Achter klarmacht, dass er kurz vor Gelb-Rot steht und deshalb aufhören soll zu meckern, oder dem Trainer Bescheid gibt, dass er den Achter auswechselt. Auf keinen Fall möchte ich dann als Reaktion hören „Aber er hat doch Recht“. Dann ist mein Versuch, den Platzverweis zu vermeiden, gescheitert. Deshalb ist es wichtig, dass der Kapitän in der Lage ist, die Sprache des Schiedsrichters zu verstehen. Und er sollte wissen, wie die Platzwahl abläuft.

Haben Spielführer besondere Pflichten auf dem Spielfeld?

Johannes Gründel: Ja. Spielführer sind mein Ansprechpartner in der Mannschaft und tragen damit eine besondere Verantwortung für das Team. Wenn es irgendwelche Probleme mit der ganzen Mannschaft, dem Trainer oder den Anhängern seines Teams gibt, dann hat er die Pflicht, auf meine Aufforderung hin einzugreifen und die Probleme abzustellen – aber natürlich nur in dem Umfang, in dem es ihm möglich ist. Unter Umständen kann der Kapitän sogar dazu verpflichtet sein, einen Innenraumverweis gegen seinen Trainer zu überbringen. Das war bis vor zwei Jahren die Vorgehensweise, die die Regeln für einen Innenraumverweis vorgesehen haben, damit der Schiedsrichter nicht selbst zur Konfliktzone „Trainerbank“ muss und die Stimmung dadurch noch weiter aufheizt. Aber schon damals hat man das nur dann über den Kapitän gemacht, wenn man als Schiedsrichter beim Rausgehen wirklich eine Eskalation befürchten musste, in der Regel hat man dafür keinen Strohmann vorgeschickt. Mit der Einführung der Karten gegen Teamoffizielle ist das Vorgehen über den Kapitän noch seltener geworden – denkbar ist es aber immer noch.

Ein Zusammenspiel zwischen Schiedsrichter und Spielführer kann Platzverweise verhindern.
anpfiff.info

Darf sich ein Mannschaftskapitän mehr erlauben als seine Mitspieler und zum Beispiel Entscheidungen des Schiedsrichters vehementer anzweifeln bzw. meckern?
Johannes Gründel: Nein, das ist leider ein Mythos, der nicht tot zu kriegen ist: Der Kapitän hat fast keine Sonderrechte und hat vor allem nicht das Recht zu meckern oder über Entscheidungen zu diskutieren. Er darf natürlich bei der Platzwahl dabei sein, aber darüber hinaus hat er nur ein einziges im Regelwerk fixiertes Sonderrecht: Er darf den Schiedsrichter nach dem Abpfiff nach dem Grund für einen Platzverweis fragen.

Was passiert mit der Spielführerbinde, wenn der Kapitän ausgewechselt wird, oder vom Platz fliegt?
Johannes Gründel: Die Spielführerbinde muss an den neuen Kapitän gehen. Die meisten Spielführer wissen das aber und bei Auswechslungen ist das in der Regel auch kein Problem. Je nach Situation kann es aber bei einem Platzverweis unangenehm werden, nämlich wenn der Kapitän emotionalisiert in die Kabine abgerauscht ist. Dann ist es nicht gerade deeskalierend, ihn noch einmal wegen der Binde zurückzuholen. In so einem Fall sollte man als Schiedsrichters mit gesundem Menschenverstand agieren, sprich: Nachfragen, wer jetzt Kapitän ist und das Spiel schon einmal fortsetzen, während sich der Verein darum kümmert, die Binde zurückzuholen oder eine Ersatzbinde zu organisieren. Wenn die Binde dann zwei Minuten fehlt, ist das auch kein Beinbruch.

Wie reagiert ein Schiedsrichter, wenn der Spielführer seinen Aufforderungen nicht nachkommt?
Johannes Gründel
: Dann wird er in einem ersten Schritt verwarnt. Weigert sich dann immer noch, den Aufforderungen des Schiedsrichters nachzukommen, wird er des Feldes verwiesen und ein Ersatzkapitän wird bestimmt. Wenn der sich auch weigert, ist das Spiel wegen allgemeinen Ungehorsams abzubrechen.

Johannes Gründel (re.) ist Lehrwart der Gruppe Forchheim und klärt auf, dass ein Spielführer kein Sonderrecht zum Meckern besitzt.
anpfiff.info

Gibt es Situationen, in denen ein Spielführer stellvertretend für eine andere Person verwarnt wird?
Johannes Gründel: Jein. Eine stellvertretende Verwarnung gibt es gegen den Spielführer nicht, weil man nur für sein eigenes Verhalten bestraft werden kann. Es kann aber passieren, dass eine persönliche Strafe gegen einen anderen Spieler stellvertretend gegenüber dem Spielführer ausgesprochen wird. Dann erhält der Spielführer die Information, dass der Spieler mit der Nummer 4 verwarnt ist, und der Schiedsrichter zeigt die Gelbe Karte und deutet auf den anderen Spieler. Das passiert in der Regel, wenn sich der Spieler, der verwarnt (oder vom Platz gestellt) werden soll, bei der Aktion verletzt hat und deshalb zur Behandlung vom Platz getragen oder geführt wird. Dann wäre es unangemessen, ihm auch noch auf der Trage die Karte zu zeigen. In meinem ersten Kreisligaspiel (SV 08 Auerbach – FC Troschenreuth) musste ich auch einen Platzverweis über den Spielführer aussprechen: In der Halbzeitpause kam es im Kabinengang zu zwei Tätlichkeiten, einer der beiden Spieler sollte dann ausgewechselt werden und ist deshalb gleich in der Kabine geblieben. Beim Wiederbetreten des Feldes habe ich deshalb dem Spielführer stellvertretend (und auch dem anderen Spieler natürlich) die Rote Karte gezeigt. Heute weiß ich: Das war falsch und unclever, weil sich natürlich jeder gewundert hat, warum der Spielführer trotzdem spielen durfte. Richtig wäre gewesen, beide Spielführer noch in der Kabine darüber zu informieren, dass die beiden Spieler des Feldes verwiesen sind.

Vielen Dank für das ausführliche Interview!

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