Artikel veröffentlicht am 08.11.2017 um 06:00 Uhr
Stefanie Schlegel & Julia Hagen: Zwei Fränkinnen in Thüringen
Im Sommer 2016 kreuzten sich erstmals die Wege der beiden jungen Damen beim Training des thüringischen Aushängeschildes im Frauenfußballs FF USV Jena. Wie sie vom beschaulichen Frankenland ins paradiesische Jena gelangten und dort von einem „ungeliebten Anhängsel“ zu TV-Stars beim FC Carl Zeiss wurden, das erzählen Julia Hagen und Stefanie Schlegel im anpfiff.info-Porträt der Woche.
Von Bernd Riemke

Knapp eine Stunde hinter der bayerisch-thüringischen Landesgrenze liegt im idyllischen Saaletal Thüringens zweitgrößte Metropole mit etwa 110 000 Einwohnern. Zwischen ansehnlich sanierten Plattenbauten in Lobeda-Ost und dem malerischen Stadtpark mit dem treffenden Namen Paradies haben zwei fränkische Fußballerinnen im Rahmen ihres Studiums an der Friedrich Schiller Universität ihre neue Heimat gefunden. Die Stadt der Wissenschaft, die vom liebevoll Keksrolle genannten Jentower im Zentrum – dem höchsten Bürogebäude in den neuen Bundesländern - überragt wird, verzeichnet nicht zuletzt aufgrund des Universitätsstandortes stetig wachsende Einwohnerzahlen. Zwei von ihnen sind Julia Hagen und Stefanie Schlegel, an deren Fersen sich anpfiff.info geheftet hat.

Vom ungeschliffenen Rohdiamanten zu El Capitano

Angestiftet durch gemeinsames Dribbeln und Schießen mit ihrem Bruder Jonas im heimischen Garten, entschloss sich Julia Hagen im Alter von elf Jahren, sich dem TSV Staffelstein anzuschließen, dem sie über viele Jahre hinweg treu blieb. Die heute 25-Jährige gehörte als Spielgestalterin und Torjägerin dem Team an, das von 2010 bis 2012 nahezu ungebremst von der Kreis- bis in die Bezirksoberliga durchmarschierte. Dort kickte sie noch zwei Spielzeiten lang, obwohl sie das Medizin-Studium längst nach Jena verschlagen hatte. Trotz anfänglicher Bedenken, ob die eigene spielerische Qualität ausreichen würde, Fuß zu fassen, besuchte die gebürtige Bambergerin schließlich ein Training der 3. Mannschaft des Frauenbundesligisten FF USV Jena. Übungsleiter Mario Hollmann erkannte in ihr auf Anhieb einen „ungeschliffenen Rohdiamanten“ und ließ die ebenso talentierte wie kämpferisch überzeugende Defensivstrategin nicht mehr gehen. „Ich habe schnell gemerkt, wie wenig Ahnung ich von Laufwegen oder einstudierten Spielzügen hatte“, so Hagen, die sich dem gehobenen Niveau in Thüringens Verbandsliga rasch anpasste und inzwischen aus dem Team nicht mehr nur nicht wegzudenken ist, sondern sogar die Kapitänsbinde für ihre Farben trägt.

Julia Hagen kurbelt das Spiel des FC Carl Zeiss Jena aus der Zentrale heraus an.
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Von Erlangen über Tansania nach Jena

„Ich habe gleich beim 1. Training gemerkt, dass sie schon einmal höherklassig gespielt hat“, sprudelt es aus Julia Hagen heraus, wenn sie über ihre „fränkische Schwester“ Stefanie Schlegel erzählt. Die 21-Jährige begann ebenfalls aufgrund familiärer Bande mit der Jagd nach dem runden Leder – was bei drei fußballbegeisterten Brüdern schlicht und ergreifend nahe lag. Über den TV 1848 Erlangen führte ihr Weg schließlich zum 1. FC Nürnberg, wo sie mit der zweiten Vertretung von der Bezirksober- in die Landesliga aufstieg. „In diesen zwei Jahren habe ich sowohl in taktischer wie auch in technischer Hinsicht viele Fortschritte gemacht – und meinen linken Fuß entdeckt“, schmunzelt Steff Schlegel, die ob einer Konkurrenz-Steffi im eigenen Team in Jena kurzerhand einen neuen Spitznamen verpasst bekam. Zwischen diesen beiden Stationen lagen jedoch nach dem Schulabschluss sechs Monate auf drei Kontinenten und unter anderem die Begleitung eines sozialen Projektes in einem Waisenhaus in Tansania. Eine Woche vor Semesterbeginn reifte in ihr schließlich die Entscheidung, das Studium des Sport-Managements in Jena aufzunehmen, wo sie schließlich in einer „süßen Großstadt, in der ich schnell im Grünen bin“, auf ihre fränkische Weggefährtin traf.

Ein erzwungener Wechsel erweist sich als Glücksgriff

Die gemeinsamen Zeiten in der Frauenfußball-Abteilung des Universitäts-Sportvereins (FF USV) Jena waren von Beginn an von großem Erfolg geprägt. In den letzten beiden Spielzeiten errang die 3. Mannschaft zweimal in Folge den Meistertitel in der Verbandsliga, durfte jedoch als dritte Vertretung nicht aufsteigen. Als es anfing intern zu rumoren, lag dies jedoch weniger an den sportlichen Aufstiegen, die de facto nicht realisiert werden konnten. Ein bestehender Vertrag mit der Universität in Jena schrieb dem FF USV vielmehr vor, dass der Verein auch eine Mannschaft für den Breitensport unterhalten solle. Eben jene 3. Mannschaft, die für den erfolgsorientierten Bundesligisten allerdings mehr und mehr zu einem „ungeliebten Anhängsel“ wurde, wie es Julia Hagen umschreibt. In der selbst ernannten Lichterstadt gingen für die ambitionierten jungen Damen des FF USV Jena 3 daher im Sommer 2017 buchstäblich binnen Wochenfrist die Lichter aus und die Spielerinnen standen ohne Verein da. Jedoch nicht lange, denn auf Initiative von Klaus Berka, dem Präsidenten des FC Carl Zeiss Jena schüttelte der dreimalige DDR-Meister und im Jahr 1981 Finalteilnehmer des Europapokals der Pokalsieger (Endspielniederlage gegen Dynamo Tiflis in Düsseldorf mit 1:2) innerhalb von nur zwei Wochen eine Frauenfußballabteilung aus dem Ärmel und bot den begeisterten Damen fortan eine neue sportliche Heimat. Eine, die mit reichlich Medienrummel verbunden war…

Auf und neben dem Platz ist Stefanie Schlegel eine echte Frohnatur.
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Aus dem Abseits direkt vor die TV-Kamera

Der große FC Carl Zeiss – eben erst mit seinen Herren nach fünf mageren Jahren in der Regionalliga Nordost in die 3. Liga zurückgekehrt – stampfte eine Frauenfußballabteilung aus dem Boden. Das war dem MDR direkt eine TV-Berichterstattung wert und so traten unter anderem Julia Hagen und Stefanie Schlegel nach ihrem Vereinswechsel erstmals ausgerechnet beim mit Spannung erwarteten Derby gegen Erfurt im blau-gelb-weißen Trikot des FC Carl Zeiss an. „Wir sind im großen Mannschaftsbus vorgefahren und schon beim Aufwärmen waren etwa 300 Zuschauer. Das war völlig verrückt“, umschreibt Julia Hagen den Hype um eine Mannschaft, die noch wenige Wochen zuvor beim FF USV eher ein Mauerblümchendasein gefristet hatte. „Es war trotzdem einfach zu viel. Plötzlich wurden wir zu Stars gemacht“, ist auch Stefanie Schlegel nach wenigen Wochen beruhigt, dass sich die erste Aufregung inzwischen wieder gelegt hat und die Frauen in der Verbandsliga ihrem Tagesgeschäft nachgehen können.

Notaufnahme und Zweitspielrecht

Inwieweit die beiden Fränkinnen auch zukünftig noch für den FC Carl Zeiss Jena um Tore und Punkte kämpfen werden, ist ein Stück weit von ihrem weiteren Fortgang der Ausbildung abhängig. Während Julia Hagen nach ihrem abgeschlossenen Medizin-Studium sowohl mit einem weiteren Jahr im Klinikum in Jena in der Notaufnahme liebäugelt, wie sie sich auch aus privaten Gründen eine räumliche Veränderung nach Potsdam vorstellen kann, bleibt Stefanie Schlegel den Thüringerinnen voraussichtlich noch etwas länger erhalten. Bis Mitte 2019 plant sie den Abschluss ihres Studiums, um sich dann womöglich in Richtung Event-Management zu spezialisieren. Bis dahin kämpft sie jedoch nicht nur mit dem FC Carl Zeiss um Meisterschaft und Aufstieg, sondern läuft gelegentlich über das Zweitspielrecht auch für den TSV Frauenaurach in der Bezirksliga auf. Dass Jena schon seit 1987 eine Städtepartnerschaft mit Stefanie Schlegels Heimatstadt Erlangen pflegt, sei in diesem Zusammenhang nur am Rande erwähnt. Sowohl Julia Hagen wie auch Stefanie Schlegel zieht es immer seltener in die „alte Heimat“. Nach einer gewissen Zeit des Abstands sind meist Familie und engster Freundeskreis die Anziehungspunkte, während sich die beiden jungen Damen in Jena neben dem sportlichen auch ein privates und berufliches Standbein aufgebaut haben.

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Steckbrief S. Schlegel

Spitzname
Steff / Steffi
Alter
21
Geburtsort
München
Wohnort
Erlangen/Jena
Familie
in Beziehung
Nation
Deutschland
Größe
164 cm
Beruf
Studentin
Hobbies
Beachvolleyball, Freunde treffen, Klavier / Querflöte
Starker Fuß
Rechtsfuß
Lieb.-Position
Innenverteidiger
Erfolge
Bezirksoberliga-Meister mit dem FC Nürnberg 2,
Verbandsligameister mit FF USV Jena 3.


Steckbrief J. Hagen

Spitzname
Juli
Alter
25
Geburtsort
Bamberg
Wohnort
Jena
Familie
in Beziehung
Nation
Deutschland
Größe
165 cm
Beruf
Studentin
Hobbies
Musik, Wandern, Fitnessstudio, Freunde treffen
Starker Fuß
Rechtsfuß
Lieb.-Position
defensives Mittelfeld ("6er")
Erfolge
Kreisligameister (2010) und Bezirksligameister (2012) mit dem TSV Staffelstein,
Verbandsligameister mit dem FF USV Jena (2016 und 2017).

Meinungen über Stefanie Schlegel

Julia Hagen
(Spielführerin FC Carl Zeiss Jena)
Sie ist immer gut gelaunt, immer freundlich und anderen gegenüber sehr offen. Auf dem Platz strahlt sie immer positive Energie aus und man merkt, dass sie einfach Spaß am Fußball hat. Außerdem ist sie sehr hübsch...
Kerstin Berg
(Co-Trainerin TSV Frauenaurach)
Wir sind froh, wenn sie da ist und spielen kann, auch wenn das in dieser Saison leider immer seltener der Fall ist. Wahrscheinlich gefällt ihr Jena inzwischen zu gut (lacht). Obwohl unsere Trainer immer sagen, dass es bei einem Kader von 28 Spielerinnen eine Katastrophe ist mit so vielen Weibern auf einem Haufen, so ist Steffi absolut pflegeleicht. Sie will eben einfach nur fußballn. Auf dem Platz bringt sie enorm viel Gelassenheit mit und strahlt wahnsinnig viel Ruhe aus. Dabei lässt sie es aber nicht heraushängen, dass sie eine so gut Spielerin ist. Ansonsten grinst sie eigentlich die ganze Zeit und ich habe sie wahrscheinlich noch nie eine Schnute ziehen sehen.
Mario Hollmann
(Trainer FC Carl Zeiss Jena)
Sie lacht eigentlich immer und ist eine wahre Frohnatur. Das wirkt schon auch ansteckend in der Mannschaft und ist vor allem dann wichtig, wenn es einmal nicht so rund läuft.
Karoline Heinze
(Bundesligaspielerin FF USV Jena)
Steffi und ich haben uns direkt im ersten Semester unseres Studiums kennengelernt. Mittlerweile verbindet uns allerdings nicht nur der gemeinsame Studiengang Sportmanagement, sondern auch der Fußball und eine tolle Freundschaft. Sie ist wirklich ein kleiner Sonnenschein, immer für Spaß und gute Laune zu haben

Auf ein Wort mit Steffi Schlegel

In meiner Handtasche habe ich immer meinen Geldbeutel. Das gibt mir ein gutes Gefühl, dass ich mir etwas Süßes kaufen kann, wenn ich unterwegs bin und plötzlich ein Hungergefühl bekomme - und das kommt häufig vor.

Zuletzt beeindruckt hat mich das Leben in Afrika. Die Arbeit im Waisenhaus in Tansania während meiner sechsmonatigen Reise durch drei Kontinente war etwas ganz Besonderes für mich. Wenn man die Dankbarkeit und die Freude der Kinder sieht, die nicht so viel haben, dann lernt man alles viel mehr zu schätzen.

Wenn ich in einem Kinofilm mitspielen dürfte
, ist es mir fast peinlich zu sagen, dass ich - wenn überhaupt - so Girly-Quatsch schaue wie Gossip Girl. Ich bin aber überhaupt kein TV-Mensch und werde eher dafür ausgelacht, wie wenig Filme ich überhaupt kenne.

Wenn ich ein Tier wäre, wäre ich gerne ein Tiger. Mit seinem individuellen Muster auf der Haut ist jeder Tiger wunderschön, geradezu majestätisch. Außerdem wird er respektiert, obwohl er eigentlich sehr lieb ist.

Wenn ich einen Tag mit einem Menschen tauschen dürfte, wäre das ein Pilot, dann könnte ich spontan zu schönen Orten fliegen. Obwohl dafür ein Tag gar nicht reichen würde, denn auf meiner Liste stehen noch New York oder auch Thailand und Australien, wobei ich das erst machen möchte, wenn die Reisewelle ein wenig abgeebbt ist. Ich möchte dort schließlich nicht auf leider deutsche Touristen treffen.

Meinungen über Julia Hagen

Stefanie Schlegel
(Mitspielerin FC Carl Zeiss Jena)
Sie ist immer gut drauf und lacht viel. Ich spiele ausgesprochen gerne mit ihr zusammen. Für die Mannschaft ist sie enorm wichtig, weil sie immer für uns da ist und einen guten Draht zwischen Trainer und Mannschaft herstellt.
Mario Hollmann
(Trainer FC Carl Zeiss Jena)
Sie ist schon seit einigen Jahren bei uns und eine enorm positive Erscheinung, die unsere Mannschaft sehr bereichert. Nicht zuletzt da sie einen guten Stellenwert innerhalb des Teams genießt, haben wir sie zur Spielführerin gewählt.
Jessica Keil
(ehemalige Mitspielerin TSV Staffelstein)
Mit ihr habe ich schon in der Mädchenmannschaft des TSV Staffelstein zusmmengespielt. Sie war eine gute Freundin, mit der man gemeinsam jeden Blödsinn anstellen konnte. Auf dem Platz war sie blitzschnell und es ist ihr so schnell keine hinterher gekommen.

Entweder...oder mit Julia Hagen

Jenzig oder Staffelberg
Der Jenzig ist eines der so genannten sieben Wunder in Jena. Trotzdem ist der Staffelberg schöner. Wenn ich zu Hause bin, gehen wir oft auf den Staffelberg. Das gehört einfach dazu.
Braten oder Grillen
(entsetzt) Mehr als 100% Grillen! Als ich hörte, dass man hier in Jena braten sagt, war ich geschockt (lacht). Es ist ein Grill und darauf wird gegrillt. Im Sommer machen wir das auch öfter: Hähnchen, Geflügel oder Grilllachs sind schon geil.
Robben oder Ribery
In Staffelstein hatte ich die Rückennummer 7 und habe auch genau wie Ribery auf Rechtsaußen gespielt. Deshalb habe ich wohl den Spitznamen bekommen. Damals war ich aber auch noch viel schneller als jetzt (schmunzelt). Seine Spielweise gefällt mir aber immer noch.
Sommer oder Winter
Sommer! Ich mag die Wärme. Ich friere sehr leicht - fahre aber im Winter tatsächlich auch gerne Ski. Eigentlich mag ich so die Übergangsjahreszeiten am liebsten. Mit langer Hose und T-Shirt draußen spazieren - das ist schön. Ich brauche Wärme und Licht.
Dribbeln oder Schießen
Weder noch. Ich kann beides nicht (lacht). Ich spiele auf der Sechs und arbeite viel nach hinten. Kämpfen, laufen und Bälle erobern ist mein Dinge. Ab und zu habe ich aber auch mal einen Glanzmoment im Spiel nach vorne... (lacht).

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