Artikel veröffentlicht am 23.07.2014 um 12:00 Uhr
Einwurf - die Fußball-Glosse: Der WM-Entzug lässt langsam nach...
MAGAZIN Zehn Tage ist die WM in Brasilien nun zu Ende. Nach dem kollektiven Freudentaumel setzte so etwas wie ein kalter Entzug von der täglichen Fußball-Droge ein. Vorbereitung und Freundschaftsspiele taugten als Methadon anfänglich nur wenig. Von Tag zu Tag allerdings wird es besser - der Alltag hat den Fan und Zuschauer wieder.
Von Markus Schütz
Wer, wie ich, bereits seine zehnte oder elfte Weltmeisterschaft bewusst erlebt hat, der kann es durchaus beurteilen: die 20. Ausgabe des Turniers in Brasilien war eine der außergewöhnlichen Art - nicht nur auf dem Platz. Manchmal allerdings musste man sich die Augen reiben und sich fragen, ob man wirklich gerade aus der Ferne ein Fußballturnier beobachtete...
Aber das tat man. 

Wer einzelne oder Gruppen von Männern hemmungslos weinen sah, der war nicht etwa bei einer Selbsthilfegruppe von Ehemännern, die seit Jahren von ihren Gattinnen verprügelt und unterdrückt werden und nun im Kreise von Gleichgesinnten ihren Gefühlen freien Lauf lassen. 
Wenn ein Mensch herzhaft in einen anderen Menschen hinein biss - dann war das natürlich nicht das jährliche Grillfest eines Kannibalen-Stammtisches oder eine Szene aus dem Horror-Film "Die Körperfresser".
Wenn ein Akteur für (Rücken-)Wirbel sorgte, weil er seinem Gegenüber mit Anlauf in ins Kreuz sprang, dann war das natürlich keine Szene aus dem Martial Arts-Film 'Kung Fu Hustle'. 
Wenn man zusah, wie eine Mannschaft den Gegner mit 7:1 abfertigte und demolierte, dann spielte da nicht der souveräne Tabellenführer der A-Klasse 3 gegen den abgeschlagenen Letzten.
Und wenn die Bundeskanzlerin sich euphorisch jubelnd und für eine damals noch 59-Jährige erstaunlich behende aus ihrem Sitz erhob, dann wurde selbstverständlich nicht die Erhöhung der Diäten für Bundestagsabgeordnete beschlossen.
Wenn man mehrere Herrn mittleren Alters beobachtete, wie sie mit Sprühdosen einen Untergrund mit weißem Schaum dekorierten, fand nicht der alljährliche Wettberb "Torten kunstvoll dekorieren" der Bayerischen Konditoren-Innung statt. 
Wenn sie jemanden in einem blauen Oberteil durch die Lüfte fliegen und Bewegungen vollführen sahen, die für das menschliche Auge - und den Gegner zu schnell waren - dann war das kein neuer Superman - aber nur einen Großbuchstaben entfernt... Es könnte aber auch der beste Libero der Welt gewesen sein.
Wenn sie im Fersehen den Hulk losstürmen sahen und sich wunderten, dass er Gelb statt Grün ist, dann verfolgten sie gerade nicht eine berühmte Comic-Verfilmung auf ihrem Bildschirm. 
Wenn sie einen langen, blonden Typen sahen, der barsch sein Gegenüber fragte: "Watt wolln se...?", dann war das kein etwas unfreundlicher Verkäufer kurz vor Ladenschluss. Und wenn er im Anschluss fragte: "Glauben Sie, unter den letzten Sechzehn ist eine Karnevalstruppe dabei?", sprach er nicht vom berühmten Karneval in Rio.
Wenn ein Spieler bei der Freistoßausführung stolperte, hinfiel, sich kurz schüttelte und weiterrannte, dann war das keine Szene aus einem Stammtischturnier - das schon fünf Stunden lief. 
Wenn ein Sportler einen Knockout erhält, Nehmerqualitäten beweist und so lange weitermacht, bis sein Trainer sprichwörtlich für ihn das Handtuch wirft - dann muss der Sportler nicht unbedingt Klitschko heißen und er muss die Arena auch nicht unbedingt als Verlierer verlassen - auch, wenn er vom Sieg nicht mehr viel weiß.
Wenn einem Spieler innerhalb kürzester Zeit zwei astreine Tore vom Schiedsrichter weggenommen werden, dann wurde das Spiel nicht unbedingt in der Reserveliga von einem 74-Jährigen gepfiffen - das könnte auch bei der WM in Brasilien passiert sein.
Wenn bei einem Interview der Befragte im schönsten bayerischen Dialekt zur Antwort gibt: "Des interessiert mi ois ned, der Scheißdregg...", dann muss es sich nicht unbedingt um ein Interview zum umstrittenen Windpark Ebersberger Forst mit einem Anwohner gehandelt haben - das könnte auch bei der WM in Brasilien stattgefunden haben.  

Ach ja... und wenn ein medialer Aufschrei erfolgt, weil eine Gruppe siegestrunkener, erfolgreicher und ein wenig übernächtigter junger Menschen, im gebückten Gang ein sicher nicht böse gemeintes Hohn-Lied auf den Gegner schmettert (das man auf Amateurebene seit Jahren kennt) und dabei das Wort "Gauchos" (Ar-gen-ti-ni-er passte leider vom Versmaß her nicht ins Lied...) verwendet... Nein, dann sind wir natürlich nicht bei der Weltmeisterschaft in Brasilien, dann sind wir schon wieder in Deutschland - denn das gibt es nur bei uns...

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