Artikel veröffentlicht am 02.01.2007 um 06:00 Uhr
Vereine und ihre Beinamen: Die Lichtenfelser Korbstädter
„In der Bezirksliga liegen die Korbsätdter als Aufsteiger nach gut der Hälfte der absolvierten Spiele auf einem guten Mittelfeldplatz“, könnte eine Schlagzeile zum Jahreswechsel lauten. „Korbstädter“ – das sind die Kicker des 1. FC Lichtenfels. Aber woher kommt eigentlich der Name?
Von Bernd Riemke
Der Eiermann-Zweisitzer aus den 1950er Jahren, entworfen von Egon Eiermann, ist eines der hervorstechendsten Ausstellungsstücke des Deutschen Korbmuseums in Michelau.
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Die Korbflechterei ist eine der ältesten handwerklichen Fähigkeiten der Menschheit. In den umliegenden Dörfern der heutigen Kreisstadt Lichtenfels saßen schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts Korbmacher, die dem Handwerk eine erste signifikante Auswirkung zuteil werden ließen. In Michelau, Schwürbitz oder Mistelfeld wurde in den Haushalten aus der reichlich vorhandenen Weide – die sich ob ihrer Biegsamkeit und weil sie ein rasch nachwachsender Rohstoff war, besonders eignete – oder dem recht frühzeitig (um 1800) aus Südostasien eingeführten Ratten geflochten. Schon um 1810 sandte man die ersten Körbe bis nach Amerika. Die Zahl der Korbmacher wuchs stetig an. Schon bald verkaufte kein Korbmacher mehr seine eigene Ware auf den Märkten.
 
Aus Korbmachern werden Korbhändler

Kaufleute traten vielmehr an deren Stelle. Nachdem Lichtenfels 1846 an das rasch wachsende Schienennetz der Bahn angeschlossen war, zog es eben jene Händler aus den umliegenden Dörfern vermehrt in die Stadt. Die heute noch bekannte Firma Kraus & Weinbeer war eine der ersten Gründungen in Lichtenfels. Immer neue Handelshäuser entstanden (1871 Amédée Hourdealx, 1890 umgewandelt in eine AG für Korbwarenindustrie) und nach und nach wurde Lichtenfels zum Zentrum des Korbhandels, zum wirtschaftlichen Bezugspunkt für die umliegenden Dörfer. „Philipp Gutmann war einer der ersten und bedeutendsten Spediteure“, weiß Bezirksheimatpfleger Dr. Günter Dippold von der nicht mehr aufzuhaltenden Entwicklung zu berichten, in deren Verlauf jene Speditionen entstehen, die den Händlern den Versand der Waren abnehmen – die so genannten „Thüringer Waren“ wie Körbe, Spielzeug oder Porzellan. Diese wurden im Zuge der Industriealisierung spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert europaweit verkauft. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert kann man gut und gerne von einem weltweiten Handel sprechen. Nach dem 1. Weltkrieg verschwindet die hausindustrielle Fertigung zusehends in der Versenkung und Großwerksätten entstehen. Die Firma „Knorr & Friedrich“ wird zu einem der Aushängeschilder auf dem weiterhin florierenden Markt. Das Sortiment der Korbmacher erweitert sich dabei stetig. Neben dem klassischen Geflecht wird inzwischen auch Holzspielzeug produziert und schließlich – weil es schnell geht und billig ist – auch Polstermöbel. Die Korbindustrie darf man also durchaus als Mutter der (Kinderwagen- und) Polstermöbelindustrie bezeichnen. Durch letztere wurde Karl Fleschutz weit über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt. Karl Fleschutz – noch heute Namensgeber der altehrwürdigen Arena der „Korbstädter“.

Vom Korbmacher zum Flechtwerkgestalter

Im Innovationszentrum des deutschen Flechthandwerks in Lichtenfels werden Ideen für die Zukunft geschmiedet.
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Den „Korbmacher“ von einst gibt es in seiner ursprünglichen Form längst nicht mehr. Eine moderne, zeitgemäße Berufsbezeichnung, die der Tradition verbunden bleibt, aber auch den neuen Anforderungen gerecht wird, ließ den Titel „Korb- und Flechtwerkgestalter“ entstehen. In der Staatlichen Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung, die am 1. Mai 2004 ihr 100-jähriges Bestehen feierte, und heute die einzige ihrer Art in ganz Deutschland ist, wird neben der traditionellen Flechtkunst von Körben, Truhen oder Möbeln nun eben auch die Fertigung von Flechtobjekten gelehrt. Im Innovations-, Technologie- und Designerzentrum des deutschen Flechthandwerks wurde beispielsweise ein Sitzmöbel aus Plexiglas entworfen und geflochten, das in den USA den hochwertigen Designerpreis „Good design“ gewinnen konnte.

„Das Volksfest der Lichtenfelser“

Die amtierende Korbstadtkönigin ist Emmi I. aus dem Ortsteil Degendorf.
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Zehntausende Besucher zieht alljährlich der Lichtenfelser Korbmarkt an, der im Jahr 2007 traditionell am dritten Septemberwoche bereits zum 28. Mal stattfindet. Das „Volksfest der Lichtenfelser“, wie Bundeswirtschaftsminister Glos den Korbmarkt bezeichnete ist in seiner ursprünglichen Form als Ausstellungsmarkt für Korbflechter jedoch immer weniger zu erkennen. Das Augenmerk zieht vielmehr die alle zwei Jahre neu zu inthronisierende Korbstadtkönigin auf sich. Sie ist in erster Linie Werbebotschafterin der Stadt Lichtenfels. Erst am Korbmarkt-Samstag wird bei der Antrittsrede der neuen Königin, die sowohl in Lichtenfels geboren, wie auch wohnhaft sein muss, das große Geheimnis um deren Identität gelüftet. Die aktuelle und damit zwölfte Korbstadtkönigin seit ihrer erstmaligen Ernennung im Jahr 1984 ist Emmi I. aus dem Stadtteil Degendorf. Bundesweites Aufsehen erregte im Mai 2005 der Start eines Weltrekordversuches. In Michelau wurde knapp ein Jahr später ein 1404 Meter und 30 Zentimeter langer Raffiabastzopf ausgerollt, der momentan noch um die Aufnahme ins Guinness Buch der Rekorde kämpft.

Die Tradition bewahren

Dort kann man den „Eiermann-Zweisitzer“ aus den 1950er Jahren zwar nicht bewundern, doch ist dieses Möbelstück zweifellos eines der hervorstechendsten Ausstellungsstücke im „Deutschen Korbmuseum“ im benachbarten Michelau. Auf über 800 qm kann man dort in 26 Räumen mehr als 2000 Exponate bestaunen, die die Geschichte des Flechthandwerks aufzeigen und lebendig werden lassen.

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