Rund 70 Jugendliche stehen dicht gedrängt am
Eingang zu den Umkleidekabinen der tectake-Arena. Aber nicht etwa, um
Autogramme von den zukünftigen Stars zu bekommen, die gerade ihr Können auf dem
Spielfeld der Würzburger Halle zeigen. Nein, sie warten auf Qualle, den
bekanntesten Schiedsrichter-Influencer Deutschlands. Als der 24-Jährige dann
kommt und der Einlass gewährt wird, stürmen alle in den Spiegelsaal, um einen
möglichst guten Platz zu ergattern.
Vom Erzieher zum Influencer
Kaum hat der 24-Jährige das Wort ergriffen,
zücken die ersten schon ihre Handys und filmen oder machen Fotos. Für die
Jugendlichen ist die Nähe zu dem Social-Media-Star etwas Besonderes. Und sie
lauschen aufmerksam, was Pascal Martin erzählt. Er berichtet aus seinem Leben.
Er stammt „aus der Stadt, die es nicht gibt“, aus Bielefeld, ist bekennender
Arminia-Fan. Stolz macht ihn, dass der aktuelle Drittligist im Vorjahr im
DFB-Pokal für Furore gesorgt hat und bis ins Finale vorgedrungen ist.
Selbst kickte er früher im
Nachwuchsleistungszentrum des MSV Duisburg, schnupperte also selbst die Luft
des Profi-Fußballs. Später machte er die Ausbildung zum Erzieher und schwärmt:
„Arbeit mit Kindern ist der ehrlichste Job. Sie sagen dir direkt ins Gesicht,
was sie denken.“ schwärmt er. Allerdings übt er seinen Beruf seit rund
zweieinhalb Jahren nicht mehr aus. Damals hatte er begonnen, Videos mit dem
„unbeliebten Thema“ Schiedsrichter auf seinen Social-Media-Plattformen zu
posten. „Das ist dann durch die Decke gegangen“, berichtet er, der von seinem
Erfolg selbst überrascht wurde.
Pascal Martin hinterließ einen bleibenden Eindruck bei den Anwesenden.
Alexander Rausch/anpfiff.info
Meist sind nicht Spieler das Problem
Es ist spürbar, dass ihm sehr viel daran
liegt, das Schiedsrichter-Wesen in ein positives Licht zu rücken. Zu negativ
werden die Unparteiischen beurteilt, zu wenig Respekt und Wertschätzung ihnen
entgegengebracht. „Wenn Deniz Aytekin, eine absolute Legende, 90 Minuten ein
sehr gutes Spiel macht und dann eine falsche Entscheidung trifft, steht diese
im Fokus und nicht die sehr gute Leistung davor“, moniert er und wünscht sich
eine veränderte Wahrnehmung.
Auch auf regionalen Sportplätzen und bei
Jugendspielen. Einige hätten ihre Emotionen dann nicht im Griff. „Spiele werden
mehrheitlich abgebrochen wegen Vorkommnissen neben dem Platz. Erwachsene
Menschen können sich oftmals nicht mehr benehmen. Eltern machen das Spiel
kaputt“, ärgert er sich über das Verhalten außerhalb des Spielfeldes. Dabei
hätten die doch eine Vorbildfunktion. Das bringt er auch in seinem Song „Zeit
für Respekt“ deutlich zum Ausdruck. Auch er selbst ist schon einmal körperlich
angegangen und ins Gesicht geschlagen worden.
Schiedsrichter-Sein entwickelt die Persönlichkeit
Unterkriegen hat er sich nicht, auch wenn er
nachvollziehen kann, wenn solche Erlebnisse dazu führen, mit der
Schiedsrichterei aufzuhören. Er weiß: „Wir haben jetzt schon ein
Nachwuchsproblem. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, pfeifen nur noch Väter.“
Um diese allerdings zu stoppen, nimmt er auch die Vereine in die Pflicht. Sie
müssten sich kümmern und Nachwuchs-Referees akquirieren. Plakate aufhängen
reiche nicht. Die Verantwortlichen müssten aktiv werden und Jugendliche
ansprechen.
Denn das Schiedsrichter-Sein hat nicht nur den
Vorteil, sich umsonst alle DFB-Spiele anschauen zu können. Auch ist es ein
gutes Taschengeld. „Neben einigen Privilegien prägt es aber vor allem die
Persönlichkeit“, stellt Pascal Martin heraus und spricht dabei aus eigener
Erfahrung. Denn er selbst habe früher gemobbt, habe andere Kinder erniedrigt
und ausgegrenzt. Auch die Schiedsrichter sei er immer wieder angegangen und
beleidigt. „Damals musste ich zur Strafe die Ausbildung machen“, berichtet er
offen über seine unschöne Vergangenheit. Doch die habe seine Sichtweisen
verändert.
Im Nachgang des Workshops machte Pascal Martin Fotos und gab Autogramme.
Alexander Rausch/anpfiff.info
Klares Plädoyer für Respekt und Wertschätzung
„Jeder hat seine eigenen Geschichten. Es kommt nicht auf
Marken-Klamotten oder andere Dinge an. Jeder ist reich, wenn man Freunde und
Familie hat, die einen lieben“, betont er und hält ein Plädoyer für Respekt und
Wertschätzung dessen, was man hat. Das Schiedsrichter-Sein hat den 24-Jährigen
verändert, seine Sichtweisen justiert. Und genau für diese steht er heute ein.
Klar, unumstößlich und jugendgerecht.