Artikel veröffentlicht am 24.07.2019 um 14:00 Uhr
Kunstrasen: Alarm bei Vereinen: Die EU sagt Mikroplastik den Kampf an
Was bedeutet das für die Pflege der teils neugebauten Kunstrasenplätze in der Region? Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts stellen Kunstrasenplätze mit Granulat in Deutschland die drittgrößte Quelle für Mikroplastik in der Umwelt. Etwa 11 000 Tonnen Mikroplastik geben die künstlichen Sportfelder hierzulande an die Umwelt ab – das Siebenfache der Kosmetikbranche.(dpa) Hier die Stimmen zu dieser Thematik. 
Von Fränkischer Tag/anpfiff/dpa
Die Meldung über ein mögliches Verbot des Plastik-Einstreumaterials auf Sportplätzen hat viele Vereine in der Region verunsichert. Zwar stellte die EU-Kommission gestern klar, dass man kein grundsätzliches Verbot von Kunstrasenplätzen plane. Es seien ein Verbot des Granulats, aber auch andere Vorgaben möglich, um die umweltschädlichen Auswirkungen von Mikroplastik zu minimieren. Trotzdem: Die Vereine sorgen sich um ihre teils neugebauten Kunstrasenplätze, der Deutsche Fußball Bund fordert deshalb einen Bestandsschutz. Gleichzeitig müsse an umweltverträglichen Lösungen gearbeitet werden. Aus Sicht des Ex-Fußball-Nationalspielers Michael Rummenigge, Geschäftsführer eines Unternehmens für Kunstrasen-Minispielfeldbau, könne das Granulat durch Kork ersetzt werden: „Da spürt man keinen Unterschied.“ (dpa)

Stimmen aus ganz Franken von Vereinen mit Kunstrasenplätzen

Holger Denzler, DJK Don Bosco Bamberg: Relativ locker haben die Verantwortlichen der DJK Don Bosco Bamberg die Debatte aufgenommen. „Bei uns stellt sich überhaupt keine Beunruhigung ein. Wir bleiben ganz entspannt“, sagt Abteilungsleiter Holger Denzler. Bereits 2007 eröffnete der heutige Fußball-Bayernligist seinen ersten Kunstrasenplatz, fünf Jahre später wurde auch der Hauptplatz der Rudi-Ziegler-Sportanlage umgebaut. „Es wird sicherlich eine Übergangsregelung geben, so wie aus der Politik gefordert. Bis es klare Entscheidungen über das Verbot gibt, warten wir ab“, sagt Denzler.

Bernd Potzel, TSV Staffelstein: Noch kein Jahr ist der Kunstrasenplatz des TSV Staffelstein (Kreis Lichtenfels) alt. Im November 2018 nahm der bayerische Fußballverband das Spielfeld des Kreisligisten ab, 5000 Arbeitsstunden leisteten ehrenamtliche Helfer, um das Projekt zu realisieren. „Ich gehe davon aus, dass die Interessen der Vereine gewahrt werden. Man kann ja nicht einfach die Plätze sperren“, sagt TSV-Abteilungsleiter Bernd Potzel. Die Zukunft der Fußballabteilung  sollte mit diesem wetterunabhängigen Platz gesichert werden, mehr als 200 Nachwuchskicker trainieren und spielen darauf. „Für das Projekt sind Steuermittel geflossen, Investitionen getätigt worden. Ich glaube, dass es andere Möglichkeiten gibt, um die Belastung der Umwelt durch Mikroplastik zu senken“, sagt Potzel. Sollten dennoch Umbaumaßnahmen vonnöten sein, setzt Potzel auf den technischen Fortschritt: „Die Industrie wird sicher günstige Lösungen finden, die für die Vereine auch tragbar wären.“

Die Granulatschicht wird aufgebracht. (Archivbild aus 2007)
privat

Stefan Kollerer, FC Kupferberg: In den Höhenlagen des Frankenwaldes, wo die Winter einfach länger dauern, träumen viele Vereine von einem Kunstrasenplatz. Der FC Kupferberg, gerade aus der Kreisliga abgestiegen, will so einen schon länger bauen, zumal sein auf einem alten Bergwerk stehender Trainingsplatz durch Stolleneinbrüche nicht mehr nutzbar ist. Das drohende Verbot von Kunstrasenplätzen mit Granulateinstreu hat beim Verein aus der Bergstadt im Nordosten des Landkreises Kulmbach „wie eine Bombe eingeschlagen“, wie Trainer Alexander Weber sagt. Er kritisiert, dass es noch keine belastbaren Forschungsergebnisse zu diesem Thema gibt. Die Kupferberger sind jedenfalls froh, dass sie noch nicht mit dem Bau begonnen haben, sondern auf den angekündigten höheren Fördersatz gewartet haben. Nun liegt  das Projekt erst einmal auf Eis. FC-Vorsitzender Stefan Kollerer hat den Kunstrasen zwar noch nicht aufgegeben, sagt aber: „Wenn Du keine Rechtssicherheit hast, dann  kannst Du auch nicht bauen.“ Und wenn, dann komme wohl nur noch ein Platz ohne Plastik-Einstreu in Frage. „Das Thema Granulat ist wohl gestorben“, sagt Kollerer.

René Schubart, FC Stockheim: Mit etwa 170 000 Euro Eigenleistung plante der FC Stockheim für den Bau seines Kunstrasens. Auf dem Sportgelände am Maxschacht soll im kommenden Sommer der erste Kunstrasenplatz im Kronacher Landkreis eröffnen. „In den Gesprächen mit dem Landratsamt ging es oft um das Granulat. Wir sind aber überrascht, wie schnell das Verbot jetzt konkret thematisiert wurde“, sagt René Schubart. Der langjährige Spieler der „Bergleute“ ist im Projektteam involviert. In wenigen Wochen sollen Bau- und Förderanträge gestellt werden. „Um gar nicht erst in Bedrängnis zu geraten, setzen wir auf Kork statt Plastik. Wer die Mehrkosten von 30 000 Euro trägt, ist im Moment schwer zu sagen“, erklärt Schubart.
Für ihn ist ein mögliches Granulat-Verbot nicht verhältnismäßig: „Was ist mit dem Abrieb der Reifen auf unseren Straßen? Täglich wird durch die Autos viel Gummi in die Umwelt gebracht, die Diskussion um Kunstrasenplätze verstehe ich nicht.“

Joachim Bursian, SV Mistelgau: “Bei unserem neuen Kunstrasenplatz können wir uns bei diesem Thema entspannt zurücklehnen – wir haben nämlich Kork verbaut. Grund dafür war die Umweltverträglichkeit und die Tatsache, dass Gummi bei hohen Temperaturen ziemlich muffelt. Dafür waren wir auch bereit, ein paar tausend Euro mehr hinzulegen. Allerdings ist dieses Thema, wie die ganze Klimadiskussion, weit von der Realität entfernt. Es gibt neue Studien, die den Standpunkt der EU-Kommission bezweifeln. Und wie so oft sollen die kleinen Vereine mit Nachrüstkosten von 100.000 Euro oder mehr belastet werden. Einen FC Bayern München juckt das nicht."

Franz Faltenbacher (Bild) und Stephan Andörfer, SV Steinmühle: “Wir haben zum Zeitpunkt der Anschaffung auf Anraten des Herstellers nicht auf Gummi, sondern auf Kork gesetzt. Damit sind wir zunächst nicht so stark im Fokus. Kork ist umweltverträglicher und hat nur den Nachteil, dass es bei großer Nässe leicht aufschwemmt. Dagegen war absehbar, dass es bei Gummi ohnehin Probleme mit der Entsorgung geben würde. Aber sicher könnten auch wir in diese Diskussion kommen, denn der Abrieb ist bei uns auch da. Uns geht das aber etwas zu weit, weil tausende von Kunstrasenplätzen in Europa nur ein kleiner Teil der Problematik sind. 

Norbert Kreiner, ASV Weisendorf: "Wir müssen jetzt erst einmal abwarten,
was wirklich dabei raus kommt. Deswegen sind wir jetzt auch noch
entspannt, was das Thema betrifft. Wir hatten bei der Anschaffung des
Kunstrasen überlegt, ob wir auf Korkgranulat anstelle des
Kunststoffgranulats setzen. Das haben wir damals aber verworfen, weil es bei einem Kunstrasenplatz damit Probleme gab bei Starkregen. Im Zweifel müssen wir dann eben auf eine Alternative zu Kunststoff umsteigen."

Matthias Flachsenberger, Platzwart FC Sand: "Wir lassen uns mal überraschen, was da wirklich kommt", zeigt sich Matthias Flachsenberger gelassen. Der Platzwart des FC Sand hat die Berichterstattung rund um das angeblich schädliche Granulat interessiert verfolgt. Manches kann er dabei nur schwer nachvollziehen. "Von vier Tonnen im Jahr, wie es in manch einer Studie zu lesen ist, kann bei uns keine Rede sein", macht er klar. Im Höchstfall 250 Kilogramm der schwarzen Kügelchen verbraucht der Bayernligist im Jahr. Am meisten "verliert" der Platz im Winter, wenn Schnee geräumt werden muss. Dazu kommen kleinere Mengen, die sich in Schuhen oder anderen Ausrüstungsgegenständen ansammeln und in der Kabine landen. Sowohl das Granulat im Schnee - nachdem dieser geschmolzen ist - als auch das in den Kabinen oder Duschen wird zusammengekehrt und landet in der Wiederverwertung. Zudem sei in Sand gewährleistet, dass keine Rückstände ins Grundwasser durchsickern. Das
verhindert eine Beton- und eine Sandschicht unter dem Rasen. Bliebe das
Hochwasser! "Wenn es wirklich so arg kommt, dass der Platz überschwemmt wird, dann steht auch außen herum alles unter Wasser", macht Matthias Flachsenberger klar, dass ein solches Szenario höchst unwahrscheinlich ist und es im Falle eines Falles wohl andere Problemzonen gebe. Die Gemeinde, die den Platz gebaut und finanziert hat und ihn auch betreibt, hat den Platzwart ebenfalls bereits nach seiner Sicht der Dinge gefragt. "Ich gehe davon aus, dass es lange Übergangsfristen geben wird." Wenn das Granulat aber tatsächlich weichen müsste, dann würde Matthias Flachsenberger vor allem eines stören. "Da wird einfach mal eine Regelung erlassen und die Kosten bleiben an den Vereinen und den Kommunen hängen."

Klaus Conrad, Sportleiter TG Höchberg: "Der Platz gehört der Gemeinde, weil darauf auch Schulsport stattfindet. Was die Verantwortlichen nun unternehmen, weiß ich nicht, da wir noch keinen persönlichen Kontakt hatten. Sollte es zu einer Sperrung kommen, wäre es natürlich eine Katastrophe, weil wir dann keinen Trainingsplatz mehr hätten. Wenn das Granulat umweltschädlich ist, ist es sinnvoll, es nicht mehr zu verwenden. Allerdings müsste das Verbot erst einmal nur für Neubauten ausgesprochen werden. Für bestehende Plätze muss es eine Übergangslösung geben. Es ist noch so vieles unklar. Deshalb ist es schwierig, die aktuelle Situation zu beurteilen."

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Einschätzung von Martin Löder

Mikroplastikteilchen belasten unsere Umwelt. Unter den fünf größten  Verschmutzern steht in einer Studie des Fraunhofer-Instituts der Kunstrasen von Sportplätzen –  Martin Löder ist da skeptisch. Der Wissenschaftler leitet die Forschungsgruppe  Mikroplastik am Lehrstuhl für Tierökologie I der Universität Bayreuth und beantwortet die wichtigsten Fragen zum möglichen EU-Verbot des Rasengranulats.

1. Ist ein Kunstrasen-Verbot nötig?
Dass die EU-Kommission nach dem Vorsorgeprinzip handelt, ist aus Sicht des Bayreuther Mikroplastik-Forschers grundsätzlich richtig. Aus einer einzigen Studie ein generelles Verbot abzuleiten, findet  Löder allerdings schwierig, zumal die Studie auf Hochrechnungen basiert, die aus wissenschaftlicher Sicht einige Unsicherheiten mit sich bringen. „Es ist wichtig, dass Plastik als politisches Thema lanciert wird, damit dieses Umweltthema den Menschen bewusst wird. Dieses Bewusstsein muss weitergehen –  über das bloße Verbot von Wattestäbchen und Plastiklöffeln hinaus.“ Müll, der aus dem Autofenster geworfen oder in der Landschaft entsorgt wird, ist aus Sicht des Bayreuthers beispielsweise ein viel wichtigeres Mikroplastikthema als das Granulat auf den Kunstrasenplätzen.

2. Ist es gefährlich, wenn Spieler, auch Kinder, die Partikel einatmen?
„Wir alle atmen jeden Tag Mikroplastik ein. Wir essen und trinken es.“ Löder erklärt, dass es bei Kunststoff  immer Abrieb gibt.  Nicht nur bei  Kunstrasen, auch bei Teppichen und Schuhsohlen. „Oder Fleecepullovern. Wenn Sie Staub wischen, ist mit Sicherheit auch Mikroplastik dabei.“ Dies sei kein Grund zur Panik. Löder will Plastik nicht verteufeln. Ob Fahrzeugtechnik oder Medizin – ohne das Material würde unsere moderne Welt nicht funktionieren. Aber es gebe potenzielle Risiken. „Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt müssen erforscht werden.  Der Mensch als Versuchstier – das ist allerdings nicht so einfach.“

3. Gelangt Mikroplastik vom Kunstrasen ins Grundwasser?
Aus Sicht des Forschers ist das relativ unwahrscheinlich, denn  Mikroplastik sind mikroskopische Teilchen vom Mikrometer bis zu einer Größe von fünf Millimetern – und die sind normalerweise zu groß, um durch die Schichten des Erdreichs bis ins Grundwasser zu gelangen. „Wie das bei winzigen Nanoplastik-Partikeln ist, wissen wir noch nicht.“



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