True Crime Story: Schiedsrichter ist plötzlich auf Verbrecherjagd! - anpfiff.info
Artikel veröffentlicht am 30.06.2026 um 12:00 Uhr
True Crime Story: Schiedsrichter ist plötzlich auf Verbrecherjagd!
MAGAZIN Vom Fußballplatz direkt in einen echten Kriminalfall: Eigentlich ist der Schiedsrichterobmann, um den sich diese Geschichte dreht, dafür bekannt, auf Fußballplätzen Ruhe zu bewahren, Regeln durchzusetzen und auch in hitzigen Situationen einen kühlen Kopf zu behalten. Dass ihn genau diese Eigenschaften einmal dabei helfen würden, eine professionelle Betrügerbande auffliegen zu lassen, hätte wohl niemand gedacht.
Von Uwe Kellner

Seit 50 Jahren ist der heute 67-Jährige Manfred Kettler Schiedsrichter, seit 2013 zudem Obmann der Schiedsrichtergruppe Erlangen. Im Februar 2026 wurde der Walsdorfer zur Zielscheibe sogenannter "falscher Polizeibeamter". Am Ende standen zwei Festnahmen – und ein persönliches Dankesschreiben des Polizeipräsidenten von Oberfranken, Armin Schmelzer.

Ein Anruf, der alles veränderte

Es begann mit einem unscheinbaren Klingeln des Festnetztelefons. Die Nummer läuft noch immer auf den inzwischen verstorbenen Vater seiner Frau Rosi – genau solche Einträge mit veralteten Vornamen suchen Betrüger gezielt im Telefonbuch, um ältere Menschen auszuwählen. Am anderen Ende der Leitung meldete sich ein angeblicher Polizeibeamter. In der Nachbarschaft habe es mehrere Einbrüche gegeben, erklärte er. Ob sich Wertgegenstände oder Bargeld im Haus befänden? Doch Manfred Kettler wurde sofort misstrauisch. "In meiner Nachbarschaft wurde einer alten Frau 60.000 Euro durch eine Betrugsmasche abgenommen. Du arbeitest dein ganzes Leben lang und dann sowas." Statt aufzulegen, entschied er sich für eine andere Taktik: Er spielte mit. Dem Anrufer erzählte er, er habe 100.000 Euro Bargeld in einer Geldkassette zu Hause. Genau darauf hatten die Betrüger gewartet. Der Mann kündigte an, eine Kommissarin vorbeizuschicken, die das Geld in Verwahrung nehmen werde.

Die erste Bewährungsprobe

Doch es gab ein Problem. Der Betrüger wollte nicht, dass Kettler das Telefon aus der Hand legte. "Diese Betrüger sind sehr gut geschult. Er wollte nicht, dass ich das Telefon weglege oder auflege." Jetzt musste improvisiert werden. Mit einer spontanen Geschichte verschaffte sich der erfahrene Schiedsrichter Zeit. "Ich habe dem Mann erzählt, dass ich ein Holzbein habe und mir noch schnell etwas anziehen muss, wenn eine Kommissarin vorbeikommt." Der Trick funktionierte. Während der Betrüger weiterhin in der Leitung blieb, schlich Kettler ins Badezimmer und verständigte heimlich über den Notruf die echte Polizei. Die Beamten versprachen, sofort einen Eingreiftrupp nach Walsdorf zu schicken.

Erlangens Schiedsrichterobmann Manfred Kettler ist Träger des Ehrenzeichens des Bayerischen Ministerpräsidenten. 
privat

Zeitspiel wie in der Nachspielzeit

Kurz darauf klingelte es tatsächlich an der Haustür. Eine Frau stand davor und wollte das angebliche Bargeld abholen. Kettler hatte sich auf die Situation vorbereitet. "Ich hatte mir eine Brille aufgesetzt, falls die mir etwas in die Augen sprühen wollen, und hatte einen Holzstock im Ärmel. Ein paar Gefahren hatte ich einkalkuliert." Nun musste er weiter Zeit gewinnen. Er erklärte der Frau zunächst, das Geld liege in der Garage. Als einige Zeit des Suchens vorbei war, fiel ihm – scheinbar – ein, dass sich die Kassette doch im ersten Stock befinde.

Fast wirkte es wie in einem Fußballspiel kurz vor Schluss. Wenn eine Mannschaft in der 90. Minute knapp führt, versucht sie, jede Sekunde von der Uhr zu nehmen. Genau so spielte auch Manfred Kettler auf Zeit – ruhig, überlegt und ohne die Nerven zu verlieren.

Weiter als bis zur Treppe kamen die beiden jedoch nicht. Die Polizei traf rechtzeitig ein und nahm die mutmaßliche Betrügerin noch im Haus fest. Wenige Straßen weiter wurde auch ihr Komplize im Fluchtfahrzeug gestellt.

Lob vom Polizeipräsidenten

Für seinen außergewöhnlichen Einsatz erhielt Kettler später eine Einladung zum Polizeipräsidium Oberfranken. Polizeipräsident Armin Schmelzer überreichte ihm persönlich ein Dankesschreiben. Darin heißt es unter anderem: "Mit diesem Schreiben möchte ich Ihnen meinen aufrichtigen Dank und meine besondere Anerkennung für Ihr außergewöhnlich couragiertes und umsichtiges Handeln aussprechen." Weiter würdigt Schmelzer: "Während eines Telefonats erkannten Sie frühzeitig die betrügerische Absicht der Täter. Anstatt das Gespräch sofort zu beenden, handelten Sie überlegt und hielten den Kontakt gezielt aufrecht." Und schließlich: "Ihr Handeln erforderte Mut, Umsicht und ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein." Worte, über die sich Manfred Kettler sichtlich freute.

50 Jahre an der Pfeife

Dass er in dieser Ausnahmesituation so besonnen reagierte, kommt nicht von ungefähr. 1976 legte Manfred Kettler seine Schiedsrichterprüfung ab. Seit nunmehr 50 Jahren steht er Woche für Woche auf den Fußballplätzen der Region. Seit November 2013 führt er als Obmann die Schiedsrichtergruppe Erlangen. Der Umgang mit Drucksituationen gehört für ihn zum Alltag. "Als Schiedsrichter geht es darum, den Regeln Geltung zu verschaffen. Mit dem Überführen von Verbrechern hat das nichts zu tun", sagt er lachend. Sein goldenes Schiedsrichterjubiläum nimmt er typisch bescheiden. "Ich bin seither halt 50 Jahre älter geworden", schmunzelt der 67-Jährige. "Mal schauen, wie lange ich gesund bleibe und noch Schiedsrichter sein kann." Eine Feier zum Jubiläum werde es nicht geben.

Manfred Kettler, Schiedsrichter aus Leidenschaft und auch neben dem Platz ein Ehrenmann.
anpfiff.info/ Sebastian Baumann

Ein Vorbild – auf und neben dem Fußballplatz

Rückblickend gibt Kettler zu, dass die Situation nicht spurlos an ihm vorbeiging. "Aufgeregt war ich schon ein wenig, aber ich würde es wieder machen, wenn ich ältere Menschen vor solchen Leuten schützen kann. So etwas geht gar nicht." Mit seinem Mut bewahrte er nicht nur sich selbst vor einem hohen Vermögensschaden, sondern half entscheidend dabei, eine perfide Betrugsmasche zu stoppen. "Mir wurde mitgeteilt, dass die beiden schon seit Jahren mit dieser Masche unterwegs sind." Manchmal braucht es eben keinen Superhelden. Manchmal genügt ein Schiedsrichter, der gelernt hat, Ruhe zu bewahren, Regeln durchzusetzen – und im richtigen Moment die Zeit für die gute Sache spielen zu lassen.

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Hintergründe & Fakten

Personendaten


Steckbrief Manfred Kettler

Manfred Kettler
Alter
67
Geburtsort
Bamberg
Wohnort
Erlau
Familie
verheiratet, 1 Kind
Nation
Deutschland
Größe
172 cm
Beruf
Rentner
Hobbies
Fußball
Starker Fuß
Linksfuß
Lieb.-Position
Sturm
Erfolge
Landesligaschiedsrichter

Saisonbilanz M. Kettler

Saison
Sp
Ø
(Sp)
Note
07/08
3
7
0
1
0
8
2,7
-
(0)
08/09
10
26
0
8
1
35
3,5
-
(0)
09/10
15
42
0
7
1
50
3,3
-
(0)
10/11
31
96
0
24
2
122
3,9
3,3
(11)
11/12
39
116
2
26
2
146
3,7
2,5
(30)
12/13
35
62
0
17
6
85
2,4
2,1
(19)
13/14
34
77
0
16
2
95
2,8
2,1
(16)
14/15
49
127
4
27
5
163
3,3
2,0
(25)
15/16
46
110
1
21
4
136
3,0
2,0
(27)
16/17
42
125
0
17
2
144
3,4
2,1
(23)
17/18
23
78
0
8
2
88
3,8
1,7
(10)
18/19
49
118
5
17
2
142
2,9
1,8
(17)
19/20
1
2
0
0
0
2
2,0
-
(0)
19/21
34
96
0
18
6
120
3,5
2,0
(12)
20/21
6
5
0
0
0
5
0,8
-
(0)
21/22
60
145
0
18
5
168
2,8
1,6
(25)
22/23
52
125
32
13
1
171
3,3
1,8
(16)
23/24
39
79
21
0
2
102
2,6
1,6
(20)
24/25
57
132
26
7
4
169
3,0
1,5
(41)
25/26
23
40
8
1
1
50
2,2
1,3
(11)
26/27
1
2
0
0
0
2
2,0
-
(0)
Ges.
649
1610
99
246
48
2003
2,9
1,9
(303)

Gesamtbilanz M. Kettler

Sp.
Ø
(Sp)
Note
649
1610
99
246
48
2003
3,1
(303)
1,9

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