Artikel veröffentlicht am 19.02.2021 um 13:00 Uhr
"Kinder zurück auf den Platz": Offener Brief von Fritz Keller und Dr. Rainer Koch
In einem offenen Brief haben DFB-Präsident Fritz Keller und Vizepräsident Dr. Rainer Koch an die Politik appelliert, die Kinder wieder auf den Platz zurückzulassen. Zusätzlich warnen die beiden Spitzenfunktionäre vor einer Spaltung aufgrund der Pandemie zwischen Profi- und Amateurfußball.
Von Sebastian Baumann
anpfiff.info (Tobias Kühnel)
Der offene Brief von Fritz Keller und Dr. Rainer Koch im Wortlaut:

Liebe Fußballfamilie,

nur zu gerne hätten wir Euch heute zugerufen: Macht die Sportplätze wieder auf, knipst das Flutlicht an und geht endlich wieder raus, geht kicken. Unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen und Hygienekonzepte. So, wie wir es im vergangenen Sommer bereits mit großer Sorgfalt getan haben. So, wie es bereits einmal von Euch allen hervorragend und mit unfassbar viel Herzblut umgesetzt worden ist. So, wie es anschließend in Millionen von Trainingseinheiten und bei Hunderttausenden von Spielen im ganzen Land bestens funktioniert hat.

Dr. Rainer Koch
fussballn.de / Schlirf

Wir – Vereine, DFB, Regional- sowie Landesverbände – tragen verantwortungsvoll die von Bund und Ländern verlängerten Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zuverlässig mit. Doch dies darf nicht zum Dauerzustand werden. Wir wissen, was Euch in diesen Tagen umtreibt. Wir wissen, dass die jetzt sinkenden Infektionszahlen Eure Ungeduld umso mehr in die Höhe treibt. Uns geht es nicht anders. Wir wünschen uns ebenso wie alle Präsidentenkolleg*innen in den Landesverbänden und anderen Sportarten, ebenso wie Millionen Amateursportler*innen bundesweit, dass der Sport als Teil der Lösung begriffen wird. Nicht um des Sports Willen, nein, im Sinne der Gesundheitsförderung und sozialer Beziehungen. Wir alle, speziell unsere Kinder und Jugendlichen, benötigen die Möglichkeit zur sportlichen Bewegung, sie ist gut für Körper und Geist – und das nachhaltig.

Die Pandemielage bleibt komplex und dynamisch. Was vor wenigen Wochen noch sinnvoll schien, ist heute in Teilen schon wieder überholt. Aber gerade der Fußball kann in der Krise Großes leisten, verlässlicher Partner sein. Er bietet Zusammenhalt und Unterstützung, Gemeinschaft und Austausch, Ziele und Perspektiven und er stärkt die Gesundheit. Großer Wunsch ist es, dass der Breitensport vor diesem Hintergrund von allen in Deutschland in dieser Wichtigkeit begriffen, wahrgenommen und schlussendlich akzeptiert wird. Der Sport und seine einzigartige Vereinslandschaft in Deutschland müssen in allen Entscheidungen Berücksichtigung finden, dürfen nicht vergessen, nicht abgehängt werden. Denn unser Land braucht den Sport – der Fußball als weltweite Sportart Nummer eins muss vorangehen. Wer über Lockerungen diskutiert, muss zwangsweise über den Amateursport sprechen. Dafür wird sich der DFB weiter mit aller Kraft, aber auch mit Realitätssinn für die Situation einsetzen.

Denn: Fußball ist viel mehr als die Bundesliga oder die Nationalmannschaft.

Fußball, das sind mehr als zwei Millionen aktive Spielerinnen und Spieler in 145.000 Mannschaften in Deutschland, die derzeit nicht zusammenkommen dürfen. Rund 0,07 Prozent aller Teams in Deutschland dürfen derzeit spielen. Weil Profis dort ihrem Beruf nachgehen. Weil sie damit ihren Lebensunterhalt bestreiten und Arbeitsplätze in ihren Vereinen und den mit ihnen verbundenen Firmen und Branchen retten. Dafür sind wir sehr dankbar, das ist auch ein Privileg. Der Fußball ist eine Einheit, ein gemeinsames Ökosystem, in dem alle Bereiche miteinander verbunden sind. Verschiedene Interessen, unterschiedliche Perspektiven, kritischer Diskurs – all das ist normal und auch wichtig. Doch dabei müssen wir uns alle – Profis und Amateure, Vereine und Verbände – immer wieder das Wichtigste vergegenwärtigen: Es gibt nur einen Fußball. Und gemeinsam sind wir am stärksten.

Der Profifußball erwirtschaftet Gelder, die dem Amateurfußball zugutekommen, auf die der Amateurfußball nicht verzichten kann. Umgekehrt kommen die Profivereine nicht ohne die riesige Amateurbasis aus. Der Fußball fußt auf einem starken Fundament, das unsere fast 25.000 Vereine und ihre mehr als sieben Millionen Mitglieder bilden. Brechen sie weg, bricht alles zusammen.

Fritz Keller
anpfiff.info

Wer Fußball spielt, kann kämpfen. Ohne Einsatz gibt es keinen Erfolg. Deshalb werden wir auch diese schwere Zeit überstehen. Wir wissen, welch gravierende Einschnitte unsere Spieler*innen, Schiedsrichter*innen, Trainer*innen, unsere vielen ehrenamtlich Engagierten hinnehmen müssen. Dennoch lassen sie den Kontakt zueinander nicht abreißen und sind weiterhin füreinander da. Ob durch gemeinsames Online-Training, Vereinstreffen via Videokonferenz, Einzeltraining oder auch als Einkaufshelfer – auch diese Seite haben wir gezeigt, wir haben mit vielen Aktionen angepackt, schwächeren Mitmenschen aus Risikogruppen wie selbstverständlich unter die Arme gegriffen. Dafür möchten wir Ihnen und Euch allen ausdrücklich danken. Euer Engagement verdient die höchste Wertschätzung, darauf dürft Ihr mächtig stolz sein!
Zusammen mit weiteren Verbänden nicht nur aus dem Sport, sondern auch aus den Bereichen Kultur und Gastronomie prüfen wir aktuell technische Lösungen für die Rückkehr von Besucher*innen. Wir arbeiten intensiv an verschiedenen Konzepten, unter anderem an einer App zur Besucher*innensteuerung und -nachverfolgung für unsere Amateurvereine. Wir möchten Euch auch bitten, an der gerade gestarteten Umfrage zur aktuellen Situation des Amateurfußballs und seiner Spieler*innen und Ehrenamtler mitzumachen. Damit wir ein möglichst umfassendes Bild bekommen, um die weiteren Schritte angehen zu können.

Denn die gesamte Gesellschaft, alle Branchen sehnen derzeit Lockerungen herbei. Sobald diese im Falle weiter sinkender Infektionszahlen und anlaufender Impfungen möglich sind, müssen vor allem unsere Kinder und Jugendlichen auf die Plätze unter freiem Himmel an der frischen Luft zurückkehren dürfen, zunächst zum Training, später dann wieder in den Spielbetrieb. Sie leiden derzeit besonders stark unter den aktuellen Einschränkungen, und die Folgen des Bewegungsmangels sind noch gar nicht absehbar. Freunde beim Fußball treffen, Spaß miteinander haben – auch das fehlt, gerade in Zeiten von Wechsel- und Distanz-Unterricht, was für viele Schüler*innen ein echter Stressfaktor ist.

So, wie wir sonst kein Spiel trotz Rückstand in der 90. Minute aufgeben, so geben wir kein Kind und keinen Jugendlichen verloren. Sie sind nicht nur die Zukunft des Fußballs, sondern die Zukunft unserer Gesellschaft. In unseren Vereinen werden nicht nur Talente, Profis und Nationalspieler von morgen ausgebildet, sondern vor allem Menschen. Die Gemeinschaft im Verein prägt sie ein Leben lang, vermittelt ihnen Werte, baut Vorurteile ab, hält sie fit und gesund und gibt ihnen eine Heimat. Diese Heimat ist derzeit vor allem Erinnerung – und Sehnsucht. Lasst uns weiter zusammen durchhalten, damit wir bald wieder zusammenspielen dürfen. Lasst uns die Hoffnung und vor allem die Chancen in den Mittelpunkt rücken: Sobald Sport möglich ist, kann der Fußball, können wir gemeinsam wieder Begeisterung schaffen und damit ein Signal des Aufbruchs setzen.

Herzliche Grüße,
Fritz Keller
Dr. Rainer Koch

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