Artikel veröffentlicht am 22.02.2021 um 06:00 Uhr
Schön war´s: Homeschooling für Schiedsrichteranwärter
Der BFV geht in der Akquise neuer Schiedsrichter moderne Wege und ermöglichte den Neulingslehrgang von zuhause auf dem Sofa. anpfiff.info hat eine Versuchsperson mitmachen lassen. Im Rückblick gilt die Aufmerksamkeit nicht dem Offensichtlichen, sondern dem, das vielleicht nicht jeder Zuschauer auf Anhieb weiß.
Von Uwe Kellner

"Klar, man bekommt auch da Routine, aber es ist und bleibt ein komisches Gefühl", äußert sich Sven Laumer gegenüber anpfiff.info zu Online-Vorträgen. Der 38-Jährige ist im normalen Leben Leiter des Schöller-Stiftungslehrstuhls der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg und ist Spezialist für Digitalisierung. Als wäre das nicht genug Verantwortung, gehört der junge Professor dem Verbandsschiedsrichterausschuss des Bayerischen Fußballverbands an. Vorlesungen sind sein täglich Brot und davon durften nun in zwei Kursen á vier Webinaren jeweils mehr als 300 Schiedsrichteranwärter, also ingesamt über 600 Teilnehmer, profitieren. Die ersten Online-Neulingskurse fanden bereits 2020 statt. Insgesamt können über 1000 Teilnehmer vermeldet werden, von denen die ersten im vergangenen Herbst bereits Spiele gepfiffen haben.

"Die Resonanz des Gegenübers ist bei Vorträgen etwas sehr Wichtiges und das fehlt vor allem in den großen Gruppen", merkt Sven Laumer an. Allerdings war er nicht alleine, sondern hatte für die Interaktion mit den Zuhörern während der digitalen Unterrichtsstunden ein großes Lehrgangsteam hinter sich. Die fleißigen Helfer nutzten die Chatfunktion, um zeitgleich zum Vortrag aufkommende Fragen geduldig und kompetent zu beantworten. Der Ablauf klappte reibungslos, die Rückmeldungen waren durchweg positiv. "Anscheinend kann man die Inhalte auch vor der Kamera gar nicht so schlecht vermitteln, aber natürlich freue ich mich bereits wieder auf die nächste Vorlesung im Hörsaal, einen Lehrgang in der Sportschule, oder einen Lehrabend bei einer SR-Gruppe im Sportheim", muss Sven Laumer zugeben.

Das Problemkind war die im DFBnet zur Verfügung gestellte Plattform für das Selbststudium. Hier konnten die Probanten Übungsfragen herunterladen oder direkt online ausfüllen. Wer zu den Webinar-Terminen keine Zeit hatte, konnte sich die Aufzeichnung herunterladen und zu einem selbst gewählten Zeitpunkt ansehen. Zu Stoßzeiten am Nachmittag und Abend hingen die Teilnehmer aber zumeist im Ladebalken der Seite fest. Das sollte sich später auch als problematisch bei der Online-Prüfung herauskristallisieren, worauf das Lehrgangsteam aber ebenfalls eine Lösung fand.

Beim ersten der beiden Lehrgänge hat sich auch ein interessierter anpfiff.info-Reporter angemeldet, um sich zuhause auf dem Sofa die Zeit zu vertreiben und sich für die Zeit nach dem nächsten Restart regeltechnisch nichts nachsagen lassen zu können.

Sven Laumer führte hunderte Schiedsrichteranwärter in jeweils vier Webinaren pro Kurs in die 17 Fußballregeln ein.
anpfiff.info

Hätten Sie es gewusst?

Sven Laumer referierte über die 17 Fußballregeln und hunderte Neulinge saßen daheim vor den Geräten und lauschten. Im Großen und Ganzen war viel Bekanntes dabei, aber die Abschlussprüfung aus dem Stegreif zu bestehen, ohne sich zuvor mit den Regeln und Übungsaufgaben zu beschäftigen, wäre quasi ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Im Grunde ging es bei der Vielzahl der Testfragen darum, welche persönliche Strafe ein Spieler bekommt und wie die Partie danach fortgesetzt wird.

Aber fangen wir doch damit an, ab wann der Schiedsrichter seine Signalkarten zeigen darf: und zwar ist das ab dem Betreten des Spielfeldes zum Anstoß möglich. Rutscht einem Spieler beim Einlaufen raus: "Schiri du bist ein Depp", sieht er die Rote Karte. Allerdings, solange die Partie noch nicht angepfiffen ist, darf wieder auf elf Spieler aufgefüllt werden. Erst nach dem Anstoß muss bei einem solchen Vergehen in Unterzahl gespielt werden. Nicht mit dem Schlusspfiff, sondern mit dem Verlassen des Spielfeldes endet die Befugnis, eine persönliche Strafe auszusprechen. Jedoch: bereits vor dem Betreten des Platzes sollte man als Fußballer vorsichtig sein, denn sobald der Referee das Spielgelände betritt, kann er eine Meldung schreiben, die eine spätere Sperre nach sich ziehen kann - und ab dem Zeitpunkt der Spielfeldkontrolle, ob Netze und Platz in Ordnung sind, darf der Unparteiische einen Spieler von der Teilnahme an der Partie ausschließen. Das gilt auch, wenn sich zwei Spieler beim Aufwärmen gegenseitig schlagen, und der Schiedsrichter das wahrnimmt - dann kann der Referee beide von der Partie ausschließen. Die Mannschaften beginnen dennoch beide zu elft.

Von der Meldung bis zur Roten Karte. Sobald der Schiedsrichter das Spielgeöände betritt, sollte man nett zu ihm sein.
anpfiff.info

Die Sache mit dem Strafraum

Zu merken ist, dass bei mehreren begangenen Vergehen, immer das schwerste Vergehen in Bezug auf die Spielfortsetzung bestraft wird (sofern beide Vergehen vom selben Team begangen werden, sonst zählt das erste Vergehen). Als Beispiel nannte Sven Laumer den Fall eines Laufduells zwischen Verteidiger und Stürmer, bei dem der Verteidiger den Stürmer bereits deutlich vor dem Strafraum hält und ihn im Strafraum immer noch hält, wo der Stürmer zu Fall kommt. In Bezug auf die Spielfortsetzung ist der Elfmeter schwerwiegender als ein direkter Freistoß, so dass der Referee auf Elfmeter zu entscheiden hat.

Zudem: wenn eine klare Torchance verhindert wird, muss der Schiedsrichter dem Verteidiger die Rote Karte zeigen. Das Halten ist in diesem Fall ein gegnerorientiertes Vergehen, das mit Rot zu ahnden ist. Anders sieht das aus, wenn der Verteidiger den Stürmer im Sechzehner umgrätscht. Sofern die Grätsche nicht brutal war, sieht der Abwehrspieler nur die Gelbe Karte, da es sich hierbei um ein ballorientiertes Vergehen handelt. In diesem Fall wurde die Doppelbestrafung abgeschafft. Einen Elfmeter gibt es dennoch. Außerhalb des Strafraums sieht das wiederum anders aus. Hier gibt es sowohl für ball- als auch für gegnerorientierte Vergehen, die eine klare Torchance zunichte machen, die Rote Karte. Insofern wäre es gut, wenn ein Defensivakteur weiß, dass er im Sechzehner lieber zur Grätsche ansetzt, als den Gegenspieler zu Boden zu reißen. Dann darf er nach dem Elfmeter wenigstens noch mitspielen.

Ein Verteidiger darf im Übrigen auch nicht den Schuh ausziehen und ihn hinter dem Ball herwerfen, damit dieser nicht ins Tor rollt. Dafür gibt es Rot und Elfmeter, sofern der Ball dadurch nicht ins Tor geht. Wenn ein sich aufwärmender Auswechselspieler kurz das Spielfeld betritt, um den Ball vor dem Übertreten der eigenen Torlinie zu hindern, wäre das Resultat ebenfalls Rot und Elfmeter. Tut dies ein Zuschauer, sieht die Welt wieder ganz anders aus. Dann gibt es Schiedsrichterball. Im Torraum führt diesen Schiedsrichterball ausschließlich der Torhüter aus.

Ein Schiedsrichterball darf im Übrigen nicht direkt ins Tor geschossen werden, sondern muss zuvor von einer zweiten Person berührt werden. In diesem Zusammenhang kann man auch gleich erwähnen, dass aus einem eigener Vorteil kein Nachteil entstehen darf. Das bedeutet: sollte ein eigener Einwurf, eigener Freistoß oder eigener Anstoß im eigenen Tor landen, ohne dass ihn ein zweiter Spieler berührt hat, gibt es Eckstoß und keinen Treffer für die gegnerische Mannschaft. Das könnte ganz interessant für Torhüter sein, die von einem Freistoß/Einwurf/Anstoß des eigenen Teams Richtung Tor überrascht werden. Bevor man den Ball mit der Fingerspitze selbst ins Tor lenkt, lieber reinlassen, dann gibt es nur einen Eckball und kein Tor für den Gegner.

Apropos Fingerspitze: einen Finger auf dem Ball zu haben, reicht beim Torhüter für die Ballkontrolle aus. Sollte ein Stürmer den Ball dennoch ins Tor schießen, gibt es einen indirekten Freistoß für den Torwart.

Regelkenntnis nicht immer vorhanden

Schön wäre, wenn alle Zuschauer, Trainer und Spieler die Regeln, auch im Detail, kennen würden. Aber das ist leider nicht der Fall. Sven Laumer erzählt von einem Vorfall, bei dem in der Regionalliga Bayern die Abseitsregel nicht in ihren Einzelheiten bekannt war: "Bei einem Abstoß wollte die Gastmannschaft auf Abseits spielen und ist rausgerückt, der Stürmer ist am Sechzehner stehen geblieben, hat den weiten Ball des eigenen Torwarts bekommen, dreht sich um und schießt das Tor. Danach war auf dem Fußballplatz die Hölle los. Die gegnerische Mannschaft geht auf den Schiedsrichter und auf den Assistenten los: Wie kannst du so blind sein und das Abseits nicht sehen. Es hat fünf bis zehn Minuten gedauert, bis einer von ihnen auf dem Handy gegoogelt hat, dass beim Abstoß das Abseits aufgehoben ist und der Schiedsrichter Recht hatte." Im Übrigen gilt das auch für einen Einwurf und Eckstoß, was wahrscheinlich allgemein geläufiger ist.

Bei Abstoß, Eckball und Einwurf ist das Abseits aufgehoben.
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Die Laptop-Schiedsrichter kommen

Das Spiel ist aus, wenn der Schiedsrichter pfeift. Die angezeigte Nachspielzeit darf der Referee nur verlängern und nicht verkürzen. Ein Grund für eine nachzuspielende "verlorene Zeit" (Regeldeutsch) wäre ein Ball, der im Weiher landet und erst wieder herausgefischt werden muss, oder ganz einfach eine Verletzungsunterbrechung. Will ein Spieler, der ausgewechselt werden soll, den Platz nicht verlassen, kann der Schiedsrichter übrigens nichts daran ändern, sondern lässt die Partie weiterlaufen. Das müssen dann Trainer und Spieler untereinander klären.

Mit den Beispielen könnte man immer so weitermachen. Es gäbe noch so viele interessante Geschichten, aber das würde den Rahmen sprengen. Letztlich ist die Regelkunde das A und O für einen Schiedsrichter. Das allein macht aber noch keinen guten Schiedsrichter aus - und das wissen auch die Neulinge vor ihren Laptops zuhause auf dem Sofa. Sofern sie 50 von 60 möglichen Punkten bei der Prüfung erreicht haben, haben sie bestanden. Danach können die Anwärter in ihrer Schiedsrichtergruppe die abschließende Prüfung absolvieren und müssen unter anderem einen Kilometer in acht Minuten zurücklegen. Zudem werden sie noch in die organisatorischen Abläufe eingeführt - sobald das alles pandemiebedingt wieder möglich ist.

Als Fazit bleibt zu erwähnen, dass der Online-Lehrgang wirklich sehr gelungen war, der Aufwand, ohne Anfahrt zum Ort der Lehrveranstaltung, überschaubar blieb und der Kurs durch die online abrufbaren Inhalte zeitlich sehr flexibel einteilbar war. Laut Reglement ist es dem Schiedsrichter allerdings verboten, während einer Partie eine Kamera mitzuführen. Deswegen wird sich die Versuchsperson von anpfiff.info wohl lieber weiterhin dem üblichen Hobby hinter der Linse am Spielfeldrand widmen - aber man kann ja nie wissen.

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