Artikel veröffentlicht am 04.07.2018 um 23:45 Uhr
Einwurf- die WM-Glosse (2): Auch nach einer Woche noch: "Der Ball ist wund..."
MAGAZIN Mit einer Woche Verspätung folgt die zweite WM-Glosse. Geplant am vergangenen Mittwoch, dem Tag des deutschen Ausscheidens, fiel sie zum einen einer tiefen Traurigkeit (und gefährlich erhöhtem Blutdruck) zum Opfer. Vor allem aber auch der Tatsache, dass der schon vorbereitete Text - von einem triumphalen Sieg über Südkorea ausgehend - durch die gegenteilige Entwicklung völlig unbrauchbar geworden war.
Von Markus Schütz
Über das deutsche WM-Aus ist mittlerweile viel, wenn nicht sogar alles gesagt und geschrieben worden. Die Gründe, die zu diesem Scheitern führten, sollen die Leute aufarbeiten, die mehr Ahnung davon haben: Bierhoff, Grindel usw. Es ist nun mal, wie es ist. Die Zeit heilt alle Wunden, der Schmerz und die Enttäuschung werden nachlassen, wenngleich uns schon noch ein paar Wochen das Gefühl begleiten wird: Der Ball ist wund!

Aber fest steht auch: Die Welt ist nicht stehen geblieben, sie dreht sich auch nach diesem fußballerischen Schock weiter um die eigene Achse. Zwar nicht ganz so schnell wie Neymar nach einer leichten Berührung - aber sie dreht sich. Natürlich kann man die WM nun auch weiterverfolgen, aber man muss nicht. Da wird man ja nur melancholisch, wenn die anderen Mannschaften bei Ballgewinnen schnell umschalten und körperlich an und über ihre Grenzen gehen. Ein Vorteil des frühen Ausscheidens ist jedenfalls, dass der Fernseher zur besten Sendezeit nicht mehr unbedingt mit Fußball belegt ist, der Partner oder die Partnerin kann beispielsweise wieder genüsslich die tausendsten Wiederholungsfolgen der Serie Dallas ansehen - quasi J.R. Ewing statt Public Viewing. Oder wie Franz Beckenbauer über das WM-Finale 1990 sagte: "Damals hat die halbe Nation hinter dem Fernseher gestanden!" Das hätten wir diesmal schon während der Vorrunde machen sollen... 

Sportlich gesehen heißt es jetzt aber natürlich, nach vorne zu schauen und dem deutschen Ausscheiden (#zsmmnbrch) so viel Positives wie möglich abzugewinnen.
Damit so schnell wie möglich die Sprüche von Michel Platini ("Wenn die Deutschen bei einer WM gut spielen, dann werden sie Weltmeister, wenn sie schlecht spielen, dann kommen sie ins Finale.") oder Gary Lineker („Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.") wieder zu alter Gültigkeit gelangen. Am Liebsten wäre mir aber der Spruch von Ronald Koeman: "Die deutschen Spieler hören erst dann auf zu kämpfen, wenn sie im Bus sitzen."

Zwar stand Jogi Löws Rücktritt im Raum und dieses Thema beherrschte - Sie haben es sicher mitbekommen - ganze Sondersendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in den vergangenen Tagen. Mal hieß es er hört auf, mal hieß es er macht weiter. Oder ging es da um Seehofer? Ich weiß es nicht mehr, aber da kann man auch leicht durcheinander kommen: Der eine forderte und fordert vehement einen Plan B - und der andere hatte leider nie einen.  Beim einen ging es um Grenzen, der andere kam an seine. 
Egal, auch Jogi Löw ist der Meinung, dass es Zeit für einen Neuanfang ist - und macht trotzdem weiter... Die Reaktionen darauf sind zwiegespalten: Ein Teil der Fußballnation atmet darüber genauso hörbar und erleichtert auf, wie er gerne zischend einatmet. Der andere Teil vermutet, dass es Jogi Löw so gehen wird, wie dem berühmten englischen Skispringer Michael "Eddie the Eagle" Edwards, dem allerdings mehrfach während seiner Karriere. Er hat auf der Schanze nämlich nicht nur einmal den richtigen Zeitpunkt des Absprunges verpasst... Die Zukunft wird zeigen, ob Löws Entscheidung richtig war, denn schließlich liegt nicht nur Neymar oft auf dem Platz, sondern bekanntlich auch die Wahrheit! 

Übrigens: Fast ein wenig neidisch wird Jogi Löw wohl die Arschbomben-WM in Sindelfingen verfolgen, bei der er als Ehrengast geladen ist. Denn dort können die Deutschen Franziska Fritz und Reinhard Riede noch im Juli ihre Weltmeister-Titel aus dem vergangenen Jahr verteidigen. Das wäre nicht nur ein wunderbarer Abschluss dieses verkorksten Sport-Sommers, sondern es würde auch bedeuten, dass deutsche Sportler bei einer Weltmeisterschaft dennoch etwas erreichen können, obwohl sie unsanft auf dem Hosenboden gelandet sind... Und wenn Jogi Löw dann sagt: "Da tut mir ja schon vom Zuschauen der Arsch weh!", dann ist es diesmal als Lob gemeint. 

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