Artikel veröffentlicht am 09.12.2015 um 20:00 Uhr
Einwurf - Die Fußball-Glosse: „Wenn wir schon verlieren, dann“
MAGAZIN ... treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt!", hat einst der Ex-Schalker und -Dortmunder Rolf Rüssmann von seinen Mitspielern gefordert. Augsburgs Torhüter Marwin Hitz zeigte jüngst gegen den FC Köln, dass sogar beides geht: den Rasen kaputt treten und gewinnen. Über Fairness im Fußball.
Von Markus Schütz
"Über was?", wird jetzt mancher Fußballer fragen. Über Fairness. Wer es noch nicht gehört hat, bei Wikipedia heißt es: "Fairness bedeutet anständiges Verhalten, sowie eine gerechte und ehrliche Haltung gegenüber anderen Menschen. In Spiel und Sport bedeutet es, sich an die Spielregeln zu halten und ein anständiges, gerechtes Spiel zu führen."
Keine Sorge, ich musste das selbst erst nachlesen...

Clever oder unfair? Die Geister scheiden sich an der Bewertung des Verhaltens des Elfmeter- bzw. Elfmeterpunktkillers Marvin Hitz, der mit seinen Hacken-Tricks der besonderen Art dem Punkt ganz schön zusetzte. Der Erfinder einer solchen Aktion ist er allerdings nicht, wie dieses Video von Lee Bum-young, Keeper von Busan Ipark in der südkoreanischen K-League, beweist. Dass in beiden Fällen der Schütze dann auch noch verschießt oder gar wie im Fall des Kölners Anthony Modeste auch noch wegrutscht, zeigt, dass das Leben manchmal ein komischer Kauz ist. Den Fußball-Gott wollen wir erst gar nicht bemühen.

Freilich: Auch ohne vorherige Manipulation des Elferpunktes sind Fußballer schon ausgerutscht und ob das Verhalten von Hitz ursächlich für den Fehlschuss und das Wegrutschen ist, wird sich wohl schwer klären lassen. Wenn ja, dann kann man davon ausgehen, dass Anthony Modeste es auf einem Kreisklassen-Acker im Dezember wohl ohne fremde Hilfe nicht einmal bis zum Punkt geschafft hätte. Von den Plätzen unserer Jugend ganz zu schweigen. Da sah man den Kalk des Punktes erst, wenn man unmittelbar davor stand, so ausgetreten waren Elfer und Torraum. Der Vorsatz der unsportlichen Manipulation war bei Marwin Hitz natürlich unstreitig vorhanden.  

Seiner gerechten Strafe wurde er jedenfalls mittlerweile zugeführt: man spricht über ihn - und sein Ruf als untadeliger Sportsmann hat gelitten. Und: Er soll 122,92 Euro zahlen, so der Kölner Stadion-Chef. Umgerechnet eine Strafe von wahrscheinlich 0,01 Tagessätzen... Wenig beeindruckend sicher für Hitz. Für den Südkoreanischen Torwart wären das umgerechnet übrigens fast 160000 KRW (koreanische Won). Das liest sich zumindest auf den ersten Blick drakonischer, wegen der vielen Nullen. Wenn Oliver Kahn zu seinen besten Zeiten auf die Hitz-Idee gekommen wäre, dann hätte er den Strafstoßpunkt knietief nach unten verlegt und Anthony Modest hätte sich das Bein gebrochen. Über den Sinn einer monetären Strafe an sich kann man natürlich streiten. Wenn man so vorgehen würde wie bei Kerem Demirbay, der Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus mitteilte, dass "Frauen beim Männerfußball auf dem Platz nichts verloren" haben, dann hätte man auch Hitz eine Buß-Aktion auferlegen müssen. Kerem Demirbay musste nämlich ein Mädchen-D-Schülerspiel als Schiedsrichter leiten. Dass er dies in Designerklamotten auf dem Feld tat, machte es nicht nur für ihn, sondern wohl auch für die Mädchen zu einer Strafe. Für Marwin Hitz wäre ein Tag bei einem Landschaftsgärtner vielleicht eine Möglichkeit gewesen, Abbitte zu leisten und seinen guten Willen zu zeigen. Er hätte auch den Stall von Kölns Maskottchen, Geißbock Hennes, ausmisten können. Bei den durch die 122,92 Euro ausrechenbaren Quadratmeterpreisen Kölner Grases übrigens sicher das im Unterhalt teuerste Maskottchen der Bundesliga...

Was Suarez mit dem Punkt gemacht hätte...

"Fairness im Fußball wird sowieso oft überbewertet!", wird vielleicht Luis Suarez sagen, der als "Beißer" von sich reden machte. Im Vergleich zu ihm ist Hitz natürlich ein kleines Licht, denn Suarez hätte mit einem herzhaften Bissen den ganzen Elfmeterpunkt verschwinden lassen können. Andy Möller wäre bei der leichtesten Berührung mit dem Kalk theatralisch gefallen. Christoph Daum hätte sich diesen durch die Nase gezogen. Frank Rijkaard hätte den Elferpunkt angespuckt, auch hier hätte Rutschgefahr bestanden. Es sei denn, Zidane hätte ihn mit einem Kopfstoß planiert und damit rutschfest gemacht.

Alltägliche Kreisklassen-Fairness

Fast jedem unterklassigen Fußballer dürfte es mittlerweile einmal passiert sein, dass der Gegner nach einer Aktion ruft: "Fragen Sie ihn doch, Herr Schiedsrichter, fragen Sie ihn doch! Hey, Achter, gib's doch zu!". In der Regel geht es dabei um einen Einwurf, eine Ecke oder eben Abstoß. Und allseits warmer Beifall begleitet den Akteur, wenn er großmütig zugibt, als Letzter am Ball gewesen zu sein. Schön und lobenswert, aber meist wenig heldenhaft. In Italien gibt es dafür mittlerweile vielleicht sogar die grüne Karte, die zu dieser Saison für besonders faires Verhalten eingeführt wurde. Und: Ich bin gespannt, wann einmal ein Akteur nach einem Elfmeterpfiff vom Schiedsrichter gefragt wird, ob er den Gegner auch wirklich getroffen hat... Fest steht, dass Unfairness auf dem Feld seit langem zurecht geächtet ist. Andi Möller wurde Mitte der 90er Jahre mal für eine Schwalbe nachträglich gesperrt - und musste 100000 D-Mark (Währung in Deutschland bis zur Euro-Einführung) zahlen.

Aber es gab natürlich auch - und Gott sei Dank - genügend gute und leuchtende Beispiele für Fair-Play im Spitzen- und Amateurfußball. Wobei sich ein Handtor oder eine Schwalbe natürlich leichter zugeben lässt, wenn es das 5:0 gewesen wäre. Der Spielstand, der Tabellenstand, die Spielminute, das Verhalten des Gegners während des Spiels - all das sind sicher allzu verständliche Kriterien dafür, wie sich der Sportler im Einzelfall entscheiden mag!

Fairness ist tagesformabhängig

Und so ist Fairness wahrscheinlich immer auch eine Frage der Tagesform und der Umstände. Dieter Hildebrand sagte einst: "Für manche ist Fairplay, das Foul dann zu begehen, wenn der Schiri nicht hinschaut!" Willi Daume, ehemaliger NOK-Chef, meinte: "Ein Sieg, der mit unfairen Mitteln erzwungen wurde, ist schlimmer als eine Niederlage!" An den meisten Tagen würden die meisten Fußballer den Satz von Daume unterschreiben. Aber es gab bei jedem Kicker sicher auch schon Tage, an denen der Wille, zu gewinnen, größer war als die Moral! Uwe Seeler war sowieso der Überzeugung: "Also, ein normales Foul ist für mich nicht unfair!" Aber auch ein 'unnormales' Foul muss dies nicht sein, wie Neven Subotic weiß: "Der Gegner braucht ja nicht unbedingt da hinlaufen, wo ich hingrätsche!"

Übrigens: einer Studie zufolge hat das Trainerverhalten einen großen Einfluss auf die Fair-Play-Einstellung der Spieler. Das hängt mit Lernprozessen, also sozialem Lernen und instrumenteller Konditionierung zusammen. In diesem Zusammenhang bitte ich meine Spieler, zu vergessen, dass ich kürzlich in der Pause "lautstarkes Fallen", gerne auch im Sechzehner forderte, "weil der Schiri bis jetzt bewiesen hat, dass er eindeutig besser hört als sieht!" Wenn ich Italiener wäre, würde ich jetzt meine Grüne Karte freiwillig zurückgeben...

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