Artikel veröffentlicht am 11.04.2020 um 12:00 Uhr
Alois Dechant ein 80er: Der "König von Weismain"
Drei Jahre spielte der Provinzklub SC Weismain in der Regionalliga. Der Macher des Märchens: Alois Dechant. Vor einigen Wochen wurde der "König von Weismain" 80 Jahre alt. Tobias Herrling vom Fränkischen Tag portraitierte ihn aus diesem Anlass.
Von Marco Heumann Tobias Herrling/Fränkischer Tag
Am Höhepunkt: Das vollbesetzte Waldstadion beim Spiel gegen den 1. FC Nürnberg.
Die Gegner heißen Lettenreuth, Kleintettau oder Weißenbrunn. Zu den Heimspielen kommen selten mehr als 100 Zuschauer. Ganz normaler Kreisliga-Alltag für den SCW Obermain. In den 1990er Jahren war das ganz anders. Der Vorgängerverein SC Weismain spielte zwischen 1996 und 1999 in der damals drittklassigen Regionalliga. Die Gegner hießen 1. FC Nürnberg, Darmstadt 98 oder Hessen Kassel. In das schmucke Waldstadion strömten tausende Zuschauer.

Wehmütiger Blick zurück

Ist jetzt ein 80er: Alois Dechant.
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Möglich gemacht hat das Alois Dechant. Der Baulöwe aus Weismain hievte den Klub aus dem 5000-Einwohner-Örtchen aus der Landesliga in den Profi-Fußball. Im März feierte Dechant seinen 80. Geburtstag. "Es ist Wehmut dabei", sagt Dechant 21 Jahre nach dem letzten Regionalliga-Auftritt des SCW. "Es war aber auch eine sehr schöne Zeit. Das Stadion war voll und vor allem an das Spiel gegen den Club denke ich gerne zurück."

Der ruhmreiche 1. FC Nürnberg in einem Pflichtspiel zu Gast in Weismain: Dieses unwirkliche Szenario war im April 1997 Realität. 18 000 Fans wollten den neunmaligen deutschen Meister sehen. Der SC Weismain erweiterte die ohnehin imposante Sandsteintribüne auf 27 Reihen. Der Club gewann zwar mit 2:0, doch der SCW durfte sich als heimlicher Sieger fühlen.

Die erste Saison in Deutschlands dritthöchster Liga beendete der Dorfklub auf Rang zehn. Im zweiten Jahr landete der SCW auf dem elften Rang. Weismain überzeugte als geschlossene Mannschaft mit intaktem Teamgeist. Und der SCW konnte sich auf seine Heimstärke verlassen - vor allem freitagabends.

"Die Spiele unter Flutlicht waren etwas ganz Besonderes", erinnert sich Dechant. "Die Leute auf dem Land kamen nach dem Feierabend, haben ihre Bratwurst gegessen und ihr Bier getrunken. Sie haben großen Fußball vor der Haustür gesehen. Das war eine ganz tolle Atmosphäre." Nach dem Aufstieg 1996 unter Trainer Matthias Fröba spielte der SCW zwei Jahre in der Regionalliga eine gute Rolle und hatte mit Armin Eck, Frank Kramer oder Josef Zinnbauer bekannte Namen unter Vertrag.

Noch immer imposant: Das Waldstadion im Jahr 2017.
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Abstieg in der dritten Saison

In der Saison 1998/1999 aber fingen die Probleme an. Spieler und Trainer kommen und gehen, als Tabellenvorletzter stieg Weismain in die Bayernliga ab. Auch weil strukturelle Fehler gemacht wurden. "Es lief alles über mich. Aber ich hatte noch meine Firma und viele Nebenposten, ich war irgendwann überlastet", sagt Dechant. Hinzu kam: Sponsor und Vorsitzender Dechant hatte mit seiner Firma finanzielle Probleme, musste Konkurs anmelden.

Beruflich fasste der 80-Jährige schnell wieder Fuß und war wieder erfolgreich. Der SC Weismain aber kam nicht mehr auf die Beine. Im Jahr 2000 folgte der Abstieg in die Landesliga, zwei Jahre später folgte der Absturz in die Bezirksoberliga. Trotzdem holte der SCW Spieler wie Ex-Profi Thomas Ziemer und lebte über seine Verhältnisse. Während der Saison 2003/2004 meldete der Klub Insolvenz an, wurde aus dem Vereinsregister gelöscht.

Ob das der ganze Aufwand wert war? "Ich möchte die Zeit nicht missen und würde es wieder so machen. Sie hat tolle Erlebnisse und auch Freunde gebracht", sagt Dechant. Er gibt aber auch zu bedenken: "Idealismus wird nicht belohnt. Wer Erfolg hat, hat viele Freunde. Im Misserfolg sind aber nur wenige da."

Wie viel Geld genau das Weismainer Märchen verschlungen hat, will Dechant nicht verraten. "Sonst bekomme ich Ärger mit meiner Frau." Etwa 20 Jahre nach den glorreichen Zeiten erinnert "nur" noch das Waldstadion an den Weismainer Ausflug in den Profi-Fußball. Mit seiner gewaltigen Felstribüne ist das Stadion bei Groundhoppern ein beliebtes Ziel und gilt nach wie vor als eines der schönsten Stadien Deutschlands. Höherklassigen Fußball gibt es dort aber kaum noch zu sehen.

Der König in seinem Reich: Alois Dechant (re.) 2013 im Waldstadion mit dem damaligen Vorsitzenden des SCW Obermain: Wolfgang Schmidt.
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Vision von einer "Oberfranken-Elf"

Auch weil Dechants Vision, eine "Oberfranken-Elf" zu etablieren, scheiterte. "Ich bin Oberfranken-Fan. Wir haben 1,1 Millionen Einwohner und sind wie eine Großstadt. Wir könnten es schaffen, in der 2. oder 3. Liga zu spielen, wenn wir die Kräfte bündeln", sagt Dechant, der "natürlich enttäuscht" ist, dass es mit regelmäßigen Auftritten der SpVgg Oberfranken Bayreuth in Weismain nichts wurde.

Die "Altstadt", bei der Dechant noch Teilhaber ist, peilt mittelfristig den Sprung in Liga 3 an. "Es habe ja schon viele Vereine in Oberfranken versucht", sagt Dechant. "Aber wenn es Wolfgang Gruber (Geschäftsführer der SpVgg, Anm.d.Red.) schafft, viele Sponsoren aus mehreren Städten zu gewinnen, kann man es schaffen." Dechant hofft, dass die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise sich nicht negativ auf das ambitionierte Bayreuther Projekt auswirken.

In der aktuellen Herausforderung für die Gesellschaft in der Corona-Krise mahnt Dechant: "Bei meinen Wanderungen im Himalaya habe ich gelernt, wie wenig der Mensch zum Leben braucht. Jeder sollte sich in der derzeitigen Phase zurücknehmen und auf die Mitmenschen Rücksicht nehmen." Was sich Alois Dechant zu seinem 80. Geburtstag wünscht? "Gesundheit und Wohlergehen, das ist das Wichtigste. Aber auch, dass den Menschen die Arbeitsplätze gesichert werden."

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