Artikel veröffentlicht am 17.08.2021 um 06:00 Uhr
Die "neuen" Regeln im Fußball: Auf Unsportlichkeiten stärker reagieren
Eigentlich sollten die Referees bereits in der letzten Saison auf gewisse Dinge ein besonderes Augenmerk richten, aber dann kam die Pandemie dazwischen. Lehrwart Johannes Gründel erklärt, worauf sich die Fußballer bei der strengeren Regelauslegung einstellen müssen.
Von Uwe Kellner
Guten Tag Herr Gründel, der eine oder andere Spieler bzw. die eine oder andere Mannschaft mag es bereits mitbekommen haben: die Schiedsrichter wurden angewiesen, Unsportlichkeiten strenger zu ahnden. Ist das neu?
Johannes Gründel: Jein. Wir haben zu Beginn der Saison 2019/20(/21) bereits begonnen, Unsportlichkeiten und Disziplinlosigkeiten strikter zu ahnden. Ziel der Sache ist, den Spielfluss zu fördern und mehr Respekt zu erreichen. Leider kam die Pandemie dazwischen, sodass der Gewöhnungseffekt gerade in den niedrigeren Klassen noch nicht ganz abgeschlossen war.

Was genau kommt damit auf die Fußballer zu?
Johannes Gründel: Die Schiedsrichter sollen auf solche Disziplinlosigkeiten und Unsportlichkeiten schärfer reagieren. Gerade Aktionen mit dem Ball nach einem Pfiff werden hier strikter beobachtet, also wenn ein Spieler den Ball nach Pfiff hochnimmt oder wegspitzelt, wegdrischt oder sich auf der anderen Seite auch vor den Ball stellt. Das steht aber alles unter dem Zweck, schnelle Spielfortsetzungen zu ermöglichen. Wenn ein Spieler also den Ball hochnimmt, um ihn direkt zum Tatort zurückzuwerfen, und damit die schnelle Spielfortsetzung sogar erleichtert, dann ist das natürlich kein Grund für eine persönliche Strafe. Wenn er dagegen den Ball hochnimmt und vom Tatort wegträgt oder dem Gegner quasi direkt vom Fuß wegspitzelt – auch wenn es nur ein Meter ist –, dann sollen die Schiedsrichter strikter agieren, mindestens mit einer außenwirksamen Ermahnung, in aller Regel aber mit einer Gelben Karte.
Ein zweiter Punkt, auf den verschärfter Wert gelegt werden soll, ist außenwirksames Reklamieren. Wenn ein Spieler wild gestikulierend zum Schiedsrichter rennt, dann kann es durchaus passieren, dass er dafür Gelb bekommt. Ein anderes Beispiel wäre, dass ein Spieler den Ball nach Pfiff hochnimmt und dann als Zeichen des Meckerns wieder auf den Boden schleudert.

Der Ort der Ausführung der Einwürfe und Freistöße soll ebenfalls genauer beobachtet werden?

Johannes Gründel: Hier kommt es darauf an. Eine Ausführung vor dem Pfiff, wenn der Ball eindeutig gesperrt wurde, also zum Beispiel beim Mauerstellen, soll auch schneller zu Gelb führen. Da durfte 2019 im Eröffnungsspiel der Regionalliga Bayern auch gleich ein Schweinfurter Spieler spüren. Der hat innerhalb von wenigen Minuten erst den Ball weggedroschen und dann den Freistoß vor Pfiff ausgeführt und wurde dafür zu Recht von Markus Pflaum vom Platz gestellt. Das Video wurde damals sogar von Herrn Koch auf Facebook geteilt, um zu zeigen, wie die neue Anweisung umzusetzen ist.
Auch wenn sich ein Spieler einen Vorteil verschaffen möchte, indem er beim Einwurf oder Freistoß weiter vor geht, sollen die Schiedsrichter eingreifen, wobei wir hier natürlich strenger sind, je näher es ans gegnerische Tor geht oder je mehr Meter gemacht wurden. Das war aber auch in den letzten Jahren schon so und da gibt es kleinlichere und großzügigere Schiedsrichter, genau wie überall sonst halt auch.

Wissen das alle Schiedsrichter und wird das in allen Ligen durchgesetzt? Oder müssen sich die Fußballer darauf einstellen, dass es am einen Spieltag so und am nächsten wieder anders gehandhabt wird?
Johannes Gründel
: Wir lehren das in unseren Sitzungen. Die Schiedsrichter, die dort anwesend sind, zuhören und das Gehörte auch umsetzen, werden sich auch in der A-Klasse daran halten. Aber es gibt natürlich immer Schiedsrichter, die ihren eigenen Stil durchziehen. Die trifft man in den höheren Ligen gar nicht, aber in den niedrigeren Ligen doch zumindest ab und zu. Ich rechne aber damit, dass die meisten Schiedsrichter das schon eher strikt handhaben werden. Und als Fußballer ist man natürlich in jedem Spiel auf der sicheren Seite, wenn man den Ball einfach liegen lässt, schnelle Spielfortsetzungen ermöglicht und sich auf das eigentliche Spielen konzentriert. Meistens bringt man dann auch eine bessere Leistung, weil man sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhält, die man eh nicht ändern kann.

Schiedsrichter Johannes Gründel, Lehrwart der Forchheimer Schiedsrichter, erklärt die "neuen" Regeln.
anpfiff.info

Stichwort Teufelskreis. Wenn der Schiedsrichter damit anfängt, jeden "Mucks" mit einer Verwarnung zu ahnden und das konsequent weiterverfolgt. Gibt es dann noch Spiele, die mit Elf-gegen-Elf beendet werden?
Johannes Gründel: Also in den Spielen, in denen ich diese Saison als Schiedsrichter oder als Assistent im Einsatz war, gab es noch keine Platzverweise, von daher scheint das möglich zu sein (lacht). Evtl. wird es eine Übergangsphase geben, in der sich alle Seiten noch an die Anweisungen gewöhnen müssen, also Schiedsrichter evtl. zu strikt agieren oder Spieler sich unnötige Gelb-Rote Karten einhandeln. Aber spätestens nach einer gewissen Zeit wird sich das eingespielt haben und ich rechne da nicht mit übermäßig mehr Platzverweisen als zuvor. Und dafür wird das Spiel wesentliche ansehnlicher.

Wenn man bei all der Emotionalität eines Fußballspiels auf einen Lerneffekt der Fußballer hofft, hofft man da nicht vergeblich?
Johannes Gründel: Ich denke nicht. Die Spieler sind ja auch nicht dumm und die Anweisung verfolgt einen nachvollziehbaren Zweck: Das Spiel soll schneller und attraktiver gemacht werden. Die Erfahrung aus dem Herbst 2019 zeigt: Die Mannschaften nehmen diese Anweisung nicht nur an und finden sie gut, sondern fordern sogar deren Umsetzung. Die Verwarnungen, die es dafür gab, wurden allgemein akzeptiert und die Kritik nach solchen Szenen hat sich dann nicht mehr gegen die Schiedsrichter, sondern höchstens noch gegen die eigenen Mitspieler gerichtet, frei nach dem Motto: „Du weißt das doch, lass den Ball einfach liegen.“ Diese Unsportlichkeiten sind auf Verbandsebene beinahe vollständig verschwunden und dort war die Anweisung im Herbst 2019 ein echter Erfolg. Aber man muss natürlich einschränkend sagen: Spieler und Mannschaften auf Verbandsebene sind im Schnitt disziplinierter als es Teams auf unterer Kreisebene sind. Trotzdem sind die Spieler im Kreis ja genauso klug wie die im Verband. Und ich bin deshalb überzeugt, dass bei einer konsequenten Umsetzung die Akzeptanz auch in der A-Klasse gegeben sein wird, wenn die Teams sich erst einmal dran gewöhnt haben und merken, dass das Spiel so ja doch deutlich attraktiver wird. Mancher Spieler wird sicherlich mehr Schwierigkeiten haben, seinen Spielstil dahingehend anzupassen, als es andere Spieler haben werden, aber an der Stelle denke ich, dass auch die Trainer und Spielführer helfen können. Schließlich ist es auch in deren Interesse, nicht jedes Spiel zu zehnt zu beenden. Ich bin da optimistisch, dass das klappen wird.

Vielen Dank für das ausführliche Interview!

Johannes Gründel nimmt sich immer sehr viel Zeit für die Interviews mit anpfiff.info. Danke dafür!
anpfiff.info


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