Artikel veröffentlicht am 07.10.2015 um 06:00 Uhr
FUNiño: Jugendfußball der Zukunft?: „Ersatzbank ist Folter für Kinder“
Es gibt Kritikpunkte am konventionellen Jugendfußball, bei dem die Nachwuchskicker „deformiert“ werden, um sie an nicht altersgemäße Wettkampfstrukturen anzupassen. Anders soll dies bei der revolutionären Art des Jugendfußballs sein, welche sich FUNiño nennt und weltweit auf dem Vormarsch ist. Beim TSV Neunkirchen hat der „Fußball 4.0“ bereits Einzug gehalten. Das Spielprinzip ist einfach und bringt viele Vorteile.
Von Uwe Kellner
Die Missstände im Fußball der Kleinsten

Prof. Dr. Dr. Matthias Lochmann vom Institut für Sportwissenschaften und Sport der Universität Erlangen-Nürnberg hat selbst einen Sohn, der mit dem Kicken vor einiger Zeit begonnen hat. Als Vater und gleichzeitig Trainer des Juniors traute er anfangs seinen Augen kaum, was er auf den Fußballplätzen miterlebt hat. „Ein Wettkampfsystem, in dem Trainer die Kinder wüst schimpfen, wenn sie Fehler machen, aber auch Kinder, die nur auf dem Platz herumstehen und ständig Anweisung von außen bekommen, was sie jetzt zu tun haben", beklagt Matthias Lochmann. Die Kinder werden seiner Meinung nach deformiert, um sie in die aktuellen, nicht kindgemäßen Regeln zu pressen. Die Spielfeldgröße ist beispielsweise viel zu weitreichend für die kurzen Kinderfüße, die Tore sind zu groß für die Keeper, die keine Chance haben an die Querlatte zu gelangen, und im Sechs-gegen-Sechs nehmen mehrere Kinder pro Mannschaft nicht wirklich am Spiel teil, weil größtenteils nur die Kinder am Ball sind, die von der Entwicklung her schon etwas weiter sind und deswegen den anderen überlegen.

Geschweige denn von der Ersatzbank, die ein weiterer Streitpunkt ist – vor allem zwischen den Eltern, die ihr Kind ungern auf der Bank sitzen sehen, und dem Trainer, der nur die Besseren spielen lassen will, weil es ja ums Gewinnen geht. „Die Ersatzbank ist das Folterinstrument für junge Fußballer!", sagt Matthias Lochmann deswegen nicht zu Unrecht, denn wie sollen sich die Kinder, die nicht oder weniger spielen dürfen weiterentwickeln? „Ist es sinnvoll, wenn pro Mannschaft nur ein oder zwei Kinder gefördert werden?", stellt Matthias Lochmann in den Raum und fügt im selben Satz an. „Wir haben gigantische Drop-Out-Zahlen im Jugendfußball. Die jungen Talente hören frühzeitig auf, weil sie keinen Spaß mehr haben, oder überfordert sind. Gerade jetzt, wenn die geburtenschwachen Jahrgänge kommen und die Vereine nur noch durch Spielgemeinschaften ihre Jugendmannschaften aufrecht erhalten können, ist es umso wichtiger, dass die Kinder nicht den Spaß am Fußball verlieren!" Besonders Kinder, die etwas spät mit der Entwicklung dran sind beziehungsweise die jahrgangsjüngeren Fußballer werden unnötigerweise aussortiert.

Matthias Lochmann mit seinen Kids bei einer Trainingseinheit an der Grundschule Neunkirchen.
anpfiff.info

Ein Training mit den Kleinsten des TSV Neunkirchen

Matthias Lochmann kommt aus Hessen, hat die Trainer A-Lizenz und trainierte bereits die U15 des FSV Mainz 05. Bei seinen Kids des TSV Neunkirchen hat er mittlerweile die Spielform FUNiño etabliert. Der Gedanke von FUNiño ist mehrere Jahrzehnte alt, hat sich mittlerweile weltweit verbreitet und viele Vereine im Profifußball, wie beispielsweise der 1. FC Nürnberg, haben FUNiño bereits zum zentralen Ausbildungsinhalt in der Jugendförderung gemacht. Das Spielprinzip ist einfach und birgt laut Matthias Lochmann viele Vorteile.

Selbstbewusste Kinder

Beim Besuch von anpfiff.info auf dem Sportplatz der Grundschule Neunkirchen zählt der Trainer ein paar Hütchen unterschiedlicher Farben ab, drückt diese einem Elternteil in die Hand und die Mutter oder der Vater hat das Spielfeld innerhalb von etwa 100 Sekunden markiert. Es gibt vier Tore, die zwei Meter breit und einen Meter hoch sind, eine Schusszone, damit es nicht zu einem Gebolze kommt, und die Kids spielen im Drei-gegen-Drei, wodurch es zu einem Ungleichgewicht bei der Spielverlagerung kommt. Die jungen Fußballer aus Matthias Lochmanns Jugend kennen die Regeln bereits und so kann nach der Einteilung der Mannschaften der Ball ins Spielfeld geworfen werden und die Kids fangen unmittelbar das Kicken an. Eine Person, beispielsweise wieder ein Elternteil, überprüft von außen lediglich die Einhaltung der Regeln. Anweisungen, wie sich die Kinder verhalten sollen, gibt es hingegen keine. „Die Kinder kriegen das selbst heraus! Wir wollen selbstständige und selbstbewusste Fußballer! Das Spiel ist der Coach!"

Keine Ersatzbank

Pro Mannschaft gibt es einen Rotationsspieler, dieser wird fließend, immer wenn eines der beiden Teams ein Tor erzielt, eingewechselt. „Bei uns gibt es keine Ersatzbank!" Das Spielfeld entspricht einem Achtel eines normalen Fußballplatzes. „Bei FUNiño werden die Spielregeln und die Geometrie des Feldes an die Kinder angepasst und nicht umgekehrt! Je nach Alter und Entwicklungsstand werden die Felder größer oder kleiner, die Spieleranzahl nimmt zu oder ab, die Tore werden diagonal bespielt, umgedreht oder müssen durch Rückpässe erzielt werden. Die Aufgaben werden komplexer. Der Fußball wächst mit den Kindern, systematisch!" Mehrere Spielfelder können nebeneinander aufgebaut werden, alle Kinder sind in Bewegung, niemand steht rum.

Das Spielfeld im FUNiño.
anpfiff.info

Jeder trifft

Die Vorteile liegen schon bei oberflächlicher Betrachtung auf der Hand: die Anzahl der Ballkontakte pro Kind ist größer, die Laufleistung der Kinder ist höher und der wohl wichtigste Aspekt - alle Kinder schießen Tore! Anfangs gibt es noch keine Torhüter, aber heutzutage ist es ja umso wichtiger, dass auch diese erst das Fußballspielen lernen. FUNiño bietet zudem 45 Variationen, von denen sich aktuell mehr als fünf mit dem Erlernen des Torhüterspiels befassen. „Im Idealfall gibt es eine permanente Entwicklung der Kinder bis zum Übergang auf ein normales Spielfeld!"

Schlankere Kinder

Natürlich hat der Universitätsprofessor auch wissenschaftliche Werte parat. Die Herzfrequenz ist demnach im Vergleich zum konventionellen Fußball um 15 bis 20 Schläge höher, die Kinder laufen 20 Meter mehr pro Minute und die Fußballer lösen aufgrund der beiden anzugreifenden Tore öfter den Blick vom Ball als bisher. Das Resultat sind sportlichere, schlankere Kinder. „Wir haben die Tore bei einem Turnier gezählt und binnen 40 Minuten wurden auf sechs Spielfeldern 200 Treffer von insgesamt 50 spielenden Kindern erzielt. Am Ende habe ich die Kinder noch gefragt, wer alles ein Tor geschossen hat und alle haben ihre Hand gehoben!" So macht Fußball Spaß und wenn es Spaß macht, hören die Kinder dann freiwillig auf?

Leistungsgedanke

Die Tore werden gezählt und es gibt am Ende eines Spiels, das etwa sechs Minuten dauert, einen Gewinner oder Verlierer. Wenn Matthias Lochmann ein FUNiño Turnier veranstaltet, gibt es am Ende jedoch keine Tabelle. „Gewinner sind alle Kinder, die mitmachen!" Zudem stehen die Trainer nicht in der Kritik, weil keine Kinder auf der Ersatzbank versauern. „Die Eltern müssen sich immer die Frage stellen: wollen sie ein Kind, das zwei linke Fuße hat, aber jedes Wochenende gewinnt, weil ergebnisorientiert agiert wird? Oder wollen die Eltern, dass ihr Kind ein besserer Fußballer wird?" FUNiño fördert Zweiteres.

Turnier beim SV Kleinsendelbach

Für alle interessierten Trainer, Betreuer oder Eltern, die sich noch kein richtiges Bild von FUNiño machen können, findet am kommenden Sonntag den 11. Oktober von 10 Uhr bis 13.30 Uhr auf dem Sportgelände des SV Kleinsendelbach ein FUNiño-Turnier statt. Unter anderem wird auch der 1. FC Nürnberg einige Mannschaften stellen, sowie die SpVgg Greuther Fürth, so dass sich ein Besuch mehrfach lohnt. Matthias Lochmann wird das Turnier moderieren und die Spielform näher erklären. Er wird die Zuschauer mit einbinden und um Fragen und Anmerkungen bitten. anpfiff.info wird sich an diesem Tag ebenfalls ein weiteres Bild von FUNiño machen und danach darüber erneut berichten.

Weitere Infos zur FUNiño-Initiative von Prof. Dr. Dr. Lochmann, ihrem Ursprung und der Verbreitung in mittlerweile 28 Länder weltweit, finden Sie unter: www.fussball4punkt0.de

Die Anmeldung zum Turnier ist noch bis zum 9. Oktober möglich. Alle interessierten Vereine, die FUNiño ausprobieren möchten, oder einfach mal gegen den Club und Greuther spielen wollen, sind herzlich dazu eingeladen

Universitätsprofessor Matthias Lochmann sieht in die Zukunft des Jugendfußballs.
anpfiff.info

Leser-Kommentare

von Parade am 07.10.2015 14:04 Uhr
Sehr interessanter Beitrag. Die Spielform kann man auch zur Abwechslung im Training auf den Seniorenbereich übernehmen.
von Abwehrtalent am 08.10.2015 13:48 Uhr
Ich bin seit kurzem Schüler-Trainer. Ich schreie meine Spieler zwar nicht zusammen (hab ich noch nie und werde ich auch nie), allerdings gebe ich von außen doch sehr viele Anweisungen. Interessanter Bericht, hab mir auch schon das Buch bestellt da ich diese Trainingsmethode sehr gut finde.
von déjà vécu am 11.10.2015 22:10 Uhr
Ja, interessanter Beitrag, nur steinalt. Gab es beim FC Barcelona und Ajax schon in den 90iger. Einfach mal youtuben: "youth midfielder drill", oder nur "midfielder drill" oder "Barcelona youth academie" - Ihr werdet Augen machen! Da muss man kein Professor sein, nur kreativ ... Grüße Johan Cruyff

Turnier beim SV Kleinsendelbach

Sonntag, 11.10.2015 von 10 Uhr bis 13.30 Uhr

FUNino-Turnier auf dem Sportgelände des SV Kleinsendelbach

Neben lokalen Mannschaften sind auch der 1. FC Nürnberg und die SpVgg Greuther Fürth am Start

Die Anmeldung für das Turnier läuft noch bis zum 9. Oktober unter www.fussball4punkt0.de

Der SV Kleinsendelbach sorgt für die Verpflegung der interessierten Besucher/innen


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Hintergründe & Fakten

Personendaten

Sportstätte TSV Neunkirchen

Sportstätte TSV Neunkirchen a.B.
Brandbachweg 2
91077 Neunkirchen am Brand
Über Kersbach und Effeltrich nach Neunkirchen am Brand. Nach dem Ortseingang links in den Hirtengraben, dann wieder links zum Brandbachweg.

Sportstätte SV Kleinsendelbach

Sportstätte SV Kleinsendelbach
Hauptstraße 21
91077 Kleinsendelbach
Über Kersbach, Effeltrich und Neunkirchen am Brand nach Kleinsendelbach. In Kleinsendelbach in der Hauptstraße immer geradeaus.

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