Artikel veröffentlicht am 12.03.2014 um 06:00 Uhr
"Duam fitore": Fußball ist der große Gewinner!
Der 5. März ist für viele Kosovaren ein historisches Datum. Eines, das folglich geradezu prädestiniert war, um das erste offizielle von der FIFA genehmigte Fußball-Länderspiel der Geschichte eines der jüngsten unabhängigen Länder des Erdballs auszutragen. Zu Gast war der Weltranglisten-79. aus Haiti – und anpfiff
Von Bernd Riemke
Dienstag, 4. März. Die Sonne lacht über Pristina, der Hauptstadt des seit 2008 unabhängigen Staates Kosovo. Im „House of Sport“ herrscht hektisches Treiben. Es ist der Tag vor dem historischen ersten Auftritt der kosovarischen Nationalmannschaft. Erst am 13. Januar  diesen Jahres gestattete die FIFA dem Kosovo offizielle Freundschaftsspiele gegen FIFA-Mitgliedsverbände auszutragen. In etwas mehr als 24 Stunden findet das Aufeinandertreffen mit der Auswahl Haitis statt. Der Weltranglisten-79. wird der erste Gradmesser für eine Mannschaft, die in dieser Formation noch nie gemeinsam auf dem Platz gestanden war und die für ein ganzes Volk von knapp zwei Millionen Kosovaren Heldenstatus erlangen wird. In all diesem Trubel, der in den Räumen des FFK (Federata e Futbollit e Kosoves) herrscht, behält vor allem Vorsitzender Fadil Vokrri die nötige Gelassenheit. Er war schon in den 1980er Jahren das Aushängeschild des so stolzen Volksstammes, als der heute 53-Jährige für Partizan Belgrad und Fenerbahce Istanbul stürmte und in der jugoslawischen Nationalmannschaft in zwölf Partien sechs Treffer erzielte. Nicht weniger als 192 Medienvertreter begehren Einlass zu einem Ereignis, das allgegenwärtig spürbar ist auf den Straßen der 500 000 Einwohner Metropole im Herzen des Balkan. Tags darauf werden sich knapp 18 000 begeisterte Zuschauer auf den Weg ins etwa 40km entfernte Mitrovica machen, den Aktiven beider Lager einen unvergesslichen Empfang bereiten und gemeinsam ein friedliches Fußballfest feiern.

Zwei, die sich für das Zustandekommen dieses Spiels eingesetzt haben: FFK-Präsident Fadil Vokrri (li.) und Florim Gashi.
anpfiff.info

Gänsehautstimmung und ein Feuerwerk

„Wir sind Teil von etwas ganz Besonderem und sehr stolz hier zu sein“, sagt Israel Cantero gegenüber anpfiff während des Abschlusstrainings der haitianischen Nationalmannschaft auf einem abgeschiedenen idyllischen Sportplatz vor den Toren Pristinas. Der Trainer der karibischen Auswahl wirkt entspannt und genießt die Gastfreundschaft eines Volkes, das seinem sportlichen Großereignis entgegenfiebert. Der 5. März als Austragungstermin ist mit Bedacht gewählt. Es ist jener Tag, an dem Adem Jashari, Nationalheld, Freiheitskämpfer der UCK und Namensgeber des frisch renovierten Stadions nahe der serbischen Grenze, im Kampf gegen die Unterdrückung ums Leben kam. Politik spielt an diesem besonderen Tag jedoch keine Rolle. Einzig der Fußball steht im Mittelpunkt. So hegt auch Florim Gashi, Mitbegründer der Initiative „Accept Kosovo in UEFA und FIFA“, den innigen Wunsch, dass die Auswahl Kosovos bald bei Qualifikationsturnieren für Welt- und Europameisterschaften teilnehmen darf. Ob Xherdan Shakiri (FC Bayern München), Granit Xhaka (Borussia Mönchengladbach) oder Manchester United-Jungstar Adnan Januzaj dann mit von der Partie sein werden ist fraglich. Zum ersten Länderspiel versammelt Trainer Albert Bunjaku – nicht verwandter Namensvetter des Torjägers des 1. FC Kaiserslautern –  22 Akteure um sich, die aus vielen europäischen Ligen die Reise in die Heimat angetreten sind. Torhüter Samir Ujkani steht in Italien für US Palermo zwischen den Pfosten, Spielführer Anel Raskaj absolvierte bereits über 150 Partien in der schwedischen Liga für Halmstadt und Sandnes Ulf und auch fünf Spieler, die in der deutschen 2. Liga unter Vertrag stehen laufen unter tosendem Jubel der elektrisierenden Massen in das Stadion ein: Fanol Prededaj (FC Energie Cottbus), Enis Alushi, Albert Bunjaku (1. FC Kaiserslautern), Ilir Azemi (SpVgg Greuther Fürth) und Faton Toski (FSV Frankfurt). Schon zwei Stunden vor dem Anpfiff geben zahlreiche Fangruppierungen stimmgewaltig ihr Bestes, um dem historischen Moment einen unvergesslichen Rahmen zu bescheren. „Duam fitore“ skandieren die Zuschauer - „Wir wollen den Sieg“.

„Die besten Krieger des Landes“ enttäuschen nicht

Begleitet von einem blau-gelben Feuerwerk, den Nationalfarben Kosovos, betreten nicht nur die Mannschaften, sondern auch Premierminister Hashim Thaci, der jeden Spieler einzeln begrüßen wird, das weite Rund. Noch in der Kabine motivierte der Landesvater die auserwählten Kicker mit den heroischen Worten „Ihr seid die besten Krieger des Landes“, so Torjäger Albert Bunjaku nach dem Spiel im Gespräch mit anpfiff und verweist darauf, dass es an der Zeit ist, der Welt zu zeigen, dass der Kosovo nicht nur in der Lage ist, friedliche Spiele zu organisieren, sondern auch mit den Waffen des Sports den Charme einer ganzen Nation über deren Grenzen hinaus zu tragen. „Ich kann meinen Stolz darüber, Teil dieses historischen Ereignisses zu sein, gar nicht in Worte fassen.  Ich bin unserem Trainer sehr dankbar, dass er mich in diese Auswahl berufen hat“, gab Bunjaku weiterhin zu Protokoll und stellte – wie all seine Mitstreiter auch – im Verlauf der 90 Minuten eindrucksvoll unter Beweis, mit welcher Hingabe die Sportler sich für ihr Land, für ihre Farben und für ihr Volk in den sportlichen Zweikampf begaben. Während das Ergebnis nach dem Spiel scheinbar in den Hintergrund zu rücken schien, wurden alle Beteiligten nicht müde den außerordentlichen Charakter dieses Aufeinandertreffens zu betonen. „Ich denke, wir sind alle Gewinner. Das war der erste Schritt eines langen Weges. Unser Fernziel ist, einmal an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen“, so Trainer Albert Bunjaku nach der Partie auf der Pressekonferenz. Über das durchaus ansehnliche 0:0, in dem die Kosovaren insbesondere im ersten Durchgang sogar die klareren Möglichkeiten hatten, im ersten Spiel auch gleich den ersten Sieg zu feiern, wurden vergleichsweise wenig Worte verloren. Selten war der Ausgang eines Fußballspieles derart „nebensächlich“ wie an diesem historischen 5. März für das ganze Volk der Kosovaren.

Albert Bunjaku (1. FC Kaiserslautern) stürmte für den Kosovo und lieferte sich auf rutschigem Geläuf packende Zweikämpfe mit Frantz Bertin.
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Von Stolz, Ehre und der Verbundenheit eines ganzen Volkes

Und doch haben die Kosovaren gezeigt, dass sie sportlich mehr als nur mithalten können. Florim Gashi, der sich ehrenamtlich unermüdlich für das Ziel einsetzt, Kosovo als vollwertiges Mitglied der UEFA und FIFA anzuerkennen, war vor allem froh, dass dieses Spiel endlich stattfinden konnte. „Natürlich wäre ein Tor der Knaller gewesen und wir haben uns alle gewünscht, dass wir gewinnen, aber besonders wichtig war, dass wir der Welt gezeigt haben, dass wir zusammenhalten. Dass wir ein Volk sind“. Eine Mischung aus Stolz, Ehre und einer gehörigen Portion Freude sprach aus seinen Worten – auch in dem Gefühl mit diesem historischen Länderspiel endlich „dazuzugehören“. Eine Aufbruchstimmung im kleinen Land auf dem Balkan ist unverkennbar. Der FFK ist weiterhin bemüht, zum nächsten Länderspieltermin im Mai einen attraktiven Gegner zu engagieren, damit das, was mit einer viel beachteten Premiere begann bald zu einer Normalität im europäischen Fußballalltag werden kann. „Mein größter Wunsch ist es, dass der FC Pristina einmal gegen Bayern München spielt oder die deutsche Nationalmannschaft einmal gegen den Kosovo“, schwelgt Florim Gashi bereits in Zukunftsträumen – wohlwissend, dass der so oft zitierte erste Schritt ein ebenso bedeutender wie gelungener war. Der Kosovo ist angekommen – nicht nur in Fußball-Europa – und hat ein deutliches Zeichen gesetzt: eines der Freundschaft, das zwar ganz und gar unpolitisch war, politisch aber eine Menge positiver Auswirkungen haben kann…

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Steckbrief F. Gashi

Florim Gashi
Alter
44
Geburtsort
Prishtina
Wohnort
Bamberg
Beruf
Gastwirt
Vereine u.a.:
- ASV Gaustadt
- SC 08 Bamberg
- SpVgg Trunstadt

Hintergründe & Fakten

Personendaten

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