Artikel veröffentlicht am 29.10.2014 um 18:00 Uhr
Was macht eigentlich Susanne Eigner: Die Gegenspieler heißen jetzt Mitschüler
Susanne Eigner war eines der prägenden Gesichter des RSV Drosendorf in den späten 1990er Jahren, als die Grün-Weißen bayernweit für Furore sorgten. Die heute 35-Jährige schaffte es bis in die U21-Nationalmannschaft und absolvierte mehr als 100 Bundesligaspiele. Inzwischen ist sie fünffache Mutter und bändigt tagtäglich nicht nur ihre eigene kleine Rasselbande…
Von Bernd Riemke
Hans Wels sei Dank! Der umtriebige Tausendsassa in Sachen Mädchen- und Frauenfußball holte die jugendliche Susanne Eigner aus dem beschaulichen Ebelsbach einst zum strahlenden RSV Drosendorf. In der immer noch fränkischen Provinz ging es zwar grundsätzlich ebenso beschaulich zu, doch in jenen späten 1990er Jahren maß sich der „kleine Dorfverein“ nicht nur mit den ganz Großen der Bayerischen Frauenfußballzunft, sondern feierte mit einem herausragenden Team ebenso herausragende Erfolge. Carmen Schlichting, heute Bayerische Mannschaftsmeisterin im Halbmarathon und Titelträgerin bei der Radweltmeisterschaft der Mediziner, Ursula Bleier oder auch Kerstin Gotthardt, die immer noch für den SV Frensdorf in der Landesliga/Nord auf Torejagd geht – das Who ist who des fränkischen Frauenfußballs gab sich seinerzeit in Drosendorf die Klinke in die Hand. Und Susanne Eigner mittendrin! Selbst der FC Bayern München, der im erfolgreichsten Jahr der Vereinsgeschichte mit 6:0 abgekanzelt wurde, konnte den Siegeszug der RSV-Damen nicht stoppen. 1998 gelang der Gewinn der Bayerischen Meisterschaft.

Bis zum FC Bayern und in die Nationalmannschaft

Susanne Eigner hatte sich da längst ins Rampenlicht gespielt, sicherte sich mit der Auswahl Oberfrankens ebenfalls den Bayerischen Titel und spielte sich bei der Deutschen Meisterschaft der Landesverbände in Duisburg endgültig ins Blickfeld der Nationalmannschaft. Als der U21-Nordic-Cup, die inoffizielle Europameisterschaft, 1999 in den Stadien Frankens ausgetragen wurde, trug Eigner den Bundesadler auf der Brust. Das zehntägige Trainingslager auf Bornholm sollte sich bezahlt machen. Nach Siegen über Finnland, Norwegen und Island stand die von Silvia Neid betreute deutsche Auswahl in Weismain gegen die USA im Finale, das unglücklich mit 0:1 verloren ging. Susanne Eigner hatte an der Endspielteilnahme maßgeblichen Erfolg. Eines ihrer beiden Länderspieltore (in über 20 Einsätzen) erzielte sie in der Vorrunde. „Martina Müller (Anm. der Red.: heute Torjägerin des Deutschen Meisters und Champions-Legaue-Siegers VfL Wolfsburg) lupfte den Ball zu mir. Ich wollte ihn flach ins Eck schieben, traf aber nicht richtig, so dass die Kugel langsam ins Tor gekullert ist“, schmunzelt die Leseratte, die Henning Mankell-Romane verschlingt, ein Erinnerung an ihren kuriosen Treffer. Mit im Team standen damals neben Martina Müller auch Golden Girl Nia Künzer und Kerstin Garefrekes. Für Susanne Eigner öffnete sich nicht zuletzt dank der überzeugenden Leistungen beim Nordic-Cup das Tor zur Bühne Bundesliga. Von 1999 an ging sie fünf Jahre lang – unter anderem neben der heutigen Welttorhüterin Nadine Angerer - für den FC Bayern München auf Torejagd und schaffte im ersten Jahr prompt den Sprung in die Belletage des deutschen Frauenfußballs. Nach einem vierten Platz in der Saison 2001/02 und in der Summe mehr als 100 Bundesligaspielen, in denen sie über zwanzig Tore erzielte, setzte sie ein Kreuzbandriss lange außer Gefecht. „Ich war fünf Jahre lang Stammspielerin und bekam plötzlich kein neues Angebot mehr“, blickt Eigner auf ein jähes Ende in der oberbayerischen Isarmetropole zurück.

In fünf Spielzeiten absolvierte Susanne Eigner mehr als 100  Bundesligaspiele für den FC Bayern München.
anpfiff.info

Freiburg statt Frankfurt – und das Ende der Laufbahn

Eine Art Neuanfang sollte es beim SC Freiburg geben, doch der war von Beginn an zum Scheitern verurteilt. „Sportlich war das anspruchslos. Der Trainer hat auch nur nach Namen aufgestellt“, fasst Eigner in wenigen Worten das Missverständnis im Breisgau zusammen, das schon nach einem halben Jahr wieder beendet war. Susanne Eigner zog es im Winter 2004 zum FFC Frankfurt, doch die Verantwortlichen des SCF legten ihr Veto ein, so dass die Bundesliga-Karriere der Susanne Eigner ein abruptes Ende nahm. „Das war anfangs hart, denn ich hätte mir noch einige Jahre auf diesem Niveau zugetraut. Letztlich bin ich aber einfach dankbar, dass ich all diese Jahre erleben durfte und genauso froh darüber, wie es heute gekommen ist“, so Eigner, die schon während ihrer aktiven Karriere die Weichen für eine erfolgreiche berufliche Zukunft stellte. Sie studierte für das Lehramt an Hauptschulen und baute schließlich im heimatnahen Burgebrach ihr zweites Staatsexamen.

„Mathematik ist klar und strukturiert“

Seit 2012 unterrichtet die leidenschaftliche Tennisspielerin, die im zarten Alter von 15 Jahren mit frisch angepasster Zahnspange Einzel- und Doppel-Clubmeisterin beim SC Stettfeld wurde, in den Klassen 7 – 9 an der Mittelschule in Bischberg und nennt neben dem Sport vor allem die Mathematik ihr Lieblingsfach. „Da gibt es meist nur richtig oder falsch. Alles baut aufeinander auf“, verweist die Paukerin die Vorzüge der Algebra, mit der sie die ihr anvertrauten Kinder begeistert. In der Mittelschule genießt sie vor allem die Vorteile des Klassenlehrerprinzips, weil es ihr die Möglichkeit gibt, auf die Kinder und Jugendlichen persönlich und individuell einzugehen. „Reine Stoffvermittlung ist nicht mein Ding. Ein Schultag ist nie programmierbar, aber ich gestalte ihn eben gerne so, wie es mir sinnvoll erscheint“, betont Eigner, dass sie meist einen kompletten Vormittag mit ihrer Klasse zusammen ist und den Unterricht entsprechend den Leistungsfähigkeiten der Kinder rhythmisieren kann. Rhythmisieren muss sie auch ihren eigenen Alltag, der meist schon um 5.30 Uhr in den frühen Morgenstunden beginnt. Fünf Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren zieht sie groß und findet doch immer wieder Zeit zum Abschalten. Eine Dreiviertelstunde Joggen nach der Schule macht zum einen den Kopf frei und sorgt zum anderen für neue Energie, wenn die eigenen Kinder zu Hause auf ihre Bespaßung warten. „Bis etwa 18.30 Uhr haben wir zu Hause das normale Kinderprogramm: Streit schlichten, spielen, Pflaster kleben, Kinder zu Freunden fahren“, schmunzelt das Organisationstalent, für das die tägliche Unterrichtsvorbereitung meist erst dann beginnt, wenn die Kinder bereits schlafen. „Wenn ich keine Lehrerin geworden wäre, dann wäre ich heute Medizinerin oder Psychologin – auf jeden Fall was mit Menschen“, möchte Susanne Eigner keine Sekunde ihres erfüllten Lebens missen und genießt das Hier und Jetzt genauso wie manche Erinnerung an die glorreichen Zeiten auf dem grünen Rasen in den Stadien der Republik.

50 Euro Strafe für einen Opel

Dort bestach sie vor allem mit ihrer starken Willenskraft, dem enormen Ehrgeiz und einem starken Zweikampfverhalten. Auch läuferisch wusste die gebürtige Bambergerin zu überzeugen – zumindest während eines Spiels, denn im Training beim damals noch üblichen „Rundenlaufen“ zum Aufwärmen konnte sie sich selten motivieren in vorderster Front zu laufen. „Beim FC Bayern wurden wir öfter gewogen und diejenigen, die zu schwer waren, wurden in einer Liste rosa markiert“, erzählt die glückliche Mama von strengen, teils abstrusen Methoden – von denen sie selbst als durchtrainierte Athletin freilich nie betroffen war. Bedeutend anfälliger war sie allerdings in puncto Vergesslichkeit. Als Susanne Eigner beim FC Bayern München unter Vertrag stand, mussten die Spielerinnen ihre Trikots zu Hause noch selber waschen. „Zu einem Spiel hab ich mal ein falsches Trikot mitgebracht. Unser neuer Trikotsponsor war Telekom. Ich hatte aber das alte mit dem Opel-Schriftzug in der Tasche“, lacht Susanne Eigner heute noch herzhaft über ihren Fauxpas, der ihr damals eine 50-Euro Strafe bescherte – und den lieb gemeinten Spott der Mitspielerinnen. Mitspielerinnen, zu denen der Kontakt im Laufe der Jahre mehr und mehr abgebrochen ist. „Ich bin ein Ganz-oder-gar-nicht-Mensch“, beschreibt die 35-Jährige sich selber, für die der Schlussstrich unter die Karriere dann auch ein endgültiger war. Die Fortsetzung der aktiven Laufbahn in unterklassigen Vereinen kam für sie ebenso wenig in Frage, wie der Besuch von Fußballspielen in der Region. Geblieben sind einige wenige Freundschaften wie die zu ihrer langjährigen Mannschaftskollegin Sabine Loderer – und zahlreiche Erinnerungen an eine Zeit mit vielen Höhen, tollen Erfolgen und wenigen, aber unvermeidbaren Tiefen. Ihr ganzes Augenmerk gehört nun der Familie und der Schule – und dort insbesondere der Mathematik. Und dass die mit dem Fußball so einiges gemein hat, wusste schon der legendäre Sportreporter Werner Hansch: „Der Trainer kann noch so viel warnen, aber im Kopf jedes Spielers sind 10 Prozent weniger vorhanden, und bei elf Mann sind das schon 110 Prozent.“

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Steckbrief S. Eigner

Alter
39
Geburtsort
Bamberg
Wohnort
Bischberg
Familie
in Beziehung, 5 Kinder
Nation
Deutschland
Größe
171 cm
Beruf
Lehrerin
Hobbies
Joggen, Tennis, Lesen
Starker Fuß
Rechtsfuß
Erfolge
1998 Bayerischer Meister,
1999 2. Platz beim U21 Nordic cup,
2000 Aufstieg in die Bundesliga,
2002 4. Platz in der Bundesliga (FC Bayern München)
Spielerstationen:

1985 - 1991 SC Stettfeld,
1991 - 1999 RSV Drosendorf,
1999 - 2004 FC Bayern München,
2004/05 SC Freiburg.


Bilder-Galerie


Bilanz RSV Drosendorf

Saison
Pl. 
Liga
2018/19
8. 
Bezirksliga Oberfranken/W.
 
2017/18
6. 
Bezirksliga Oberfranken/W.
 
2016/17
10. 
Bezirksoberliga Oberfranken
2015/16
9. 
Bezirksoberliga Oberfranken
 
2014/15
9. 
Bezirksoberliga Oberfranken
2013/14
5. 
Bezirksoberliga Oberfranken
 
2012/13
1. 
Bezirksliga Oberfranken/W.
2011/12
11. 
Bayernliga
 
2010/11
7. 
Bayernliga
 
2009/10
4. 
Bayernliga
 
2008/09
7. 
Bayernliga
 

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