Artikel vom 18.01.2026 06:00 Uhr
Mit 66 Jahren beginnt Gerd Lamatsch ein Leben ohne die Pfeife in der Hand.
PODCAST In der 70. Folge des Podcasts „Die Amateurschreiber“ sprechen die Hosts Uwe Kellner und Sebastian „Basti“ Baumann mit einem der bekanntesten Schiedsrichter Mittelfrankens: Gerd Lamatsch. Der langjährige Referee, frühere Zweitliga-Assistent und Buchautor hat mit 66 Jahren seine Laufbahn beendet – ohne die angepeilten 2000 Spiele vollzumachen. Dafür mit klaren Worten, Haltung und vielen Geschichten.
Gerd Lamatsch erklärt ausführlich, warum er die Pfeife an den Nagel gehängt hat. Es sei kein spontaner Entschluss gewesen, sondern ein Prozess über mehrere Jahre. Corona habe vieles verändert, vor allem im Amateurfußball. Kurzfristige Spielabsagen, weniger Einsätze trotz Erfahrung und eine zunehmende Aggressivität auf den Plätzen hätten die Waage kippen lassen. „Wenn sich das Verhältnis aus dem, was du einbringst, und dem, was du zurückbekommst, dauerhaft ins Negative verschiebt, musst du irgendwann Konsequenzen ziehen“, sagt Lamatsch.
Besonders eindrücklich schildert er zwei Erlebnisse aus dem Jugendbereich: ein völlig eskaliertes Spiel mit massiver Gewaltandrohung sowie einen Spielabbruch in Tennenlohe, für den er später sogar indirekt Gegenwind bekam. Für Lamatsch ein Alarmsignal: „Wenn ich als erfahrener Schiedsrichter Probleme habe, ein U17-Spiel zu leiten, frage ich mich ernsthaft, wo wir hinsteuern.“ Die Entwicklungen sieht er als Spiegel der Gesellschaft – sinkende Hemmschwellen, fehlender Respekt und wenig Akzeptanz von Autorität.
Urs Meier (links) und Gerd Lamatsch bei einem Fußballkongress mit einem der beiden Bücher des Nürnberger Referees.
Archiv Gerd Lamatsch
Kritik am Umgang der Verbände mit den Schiedsrichtern
Kritisch äußert sich der ehemalige DFB-Beobachter auch zum Umgang der Verbände mit engagierten Schiedsrichtern. Seine jahrelange Arbeit in der Nachwuchsgewinnung, eine selbst entwickelte Schiedsrichter-Fibel und Angebote zur Betreuung junger Kollegen seien weitgehend ignoriert worden. Besonders bitter für ihn: fehlende Wertschätzung und der Eindruck, dass Eigeninitiative von außen nicht erwünscht sei. „Ich habe gelernt: Wichtig ist nur, was aus dem Verband selbst kommt“, so Lamatsch.
Natürlich geht es auch um die sportlichen Highlights seiner Karriere. Einsätze als Assistent in der 2. Bundesliga, große Spiele im Amateurbereich wie Plattling gegen 1860 München vor 8000 Zuschauern oder Pokalnächte mit besonderer Atmosphäre sind ihm im Gedächtnis geblieben. Dass es nicht für eine längere Profikarriere gereicht hat, ordnet er realistisch ein: „Da oben ist die Luft extrem dünn. Talent allein reicht nicht, Glück gehört immer dazu.“
Zum Abschluss wird Lamatsch noch einmal meinungsstark beim Thema Videobeweis. Seine Bilanz fällt ernüchternd aus: zu viele Diskussionen, keine echte Weiterentwicklung, falsche Stellschrauben. Themen wie Nettospielzeit oder klare Unschärfen beim Abseits würden weiter ausgespart. Stattdessen leide auch der Amateurfußball unter den endlosen TV-Debatten. „Wir reden jede Woche über denselben Mist und kommen keinen Schritt weiter“, bringt er es auf den Punkt.
Ganz vom Fußball verabschiedet sich Gerd Lamatsch trotzdem nicht. Er bleibt Beobachter, Meinungsgeber – und Mensch mit neuen Freiräumen: Paddel-Tennis, Reisen, Medienprojekte. Die Pfeife ist weg, die Haltung bleibt.